Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Tobias, Du kannst nicht das Land verlassen, ohne mit einer Liberianerin geschlafen zu haben“, sagt Indiana Jones. Er schaut mich mit einer Mischung aus Mitleid und Fassungslosigkeit an – und denkt wohl: „Was für ein erbärmlicher Journalist bist Du bloß? Interessierst Du Dich gar nicht für die wichtigen Dinge hier im Land?“

Ich nenne meinen Gesprächspartner an dieser Stelle Indiana Jones, weil er ein Mann vom Typ Jäger des verlorenen Schatzes ist. Es ist dabei irrelevant, ob er Amerikaner, Deutscher oder vielleicht Asiate ist. Ob er Aaron, Hans-Jürgen oder Xoan heißt. Verdient er sein Geld mit der Suche nach Gold und Diamanten oder ist er im Management eines großen ausländischen Konzerns tätig? Ich werde es nicht verraten. Es geht nicht um ihn persönlich. Seine Geschichte steht auch für andere.

„Tja, der normale Amerikaner oder Mitteleuropäer kauft sich in seiner Midlife-Crisis vielleicht ein neues Auto“, erklärt mir Indiana Jones. „Der eine oder andere arbeitet abends angeblich lange, während er in Wahrheit im Bett seiner Sekretärin liegt. Manch einer lässt sich auch scheiden und heiratet was Jüngeres.“ Indiana Jones winkt mit der rechten Hand ab, wie um zu sagen: „Amateure!“

Wenn man Indiana Jones glauben darf – und im Großen und Ganzen darf man das wohl –, hatte er nach seiner Scheidung Dutzende Frauen in kürzester Zeit. Schließlich war er gerade, um sich ein wenig zu verändern, nach Afrika gekommen. Er machte von seinen Möglichkeiten regen Gebrauch. „Die Frauen kosten ja nicht viel“, sagt er. „Und als alter ausländischer Mann bist du auf eine bestimmte Art noch attraktiver als ein junger. Weil die Frauen fest davon ausgehen, dass ein alter Mann besonders viel Geld hat.“ Er schmunzelt und zieht die Augenbrauen hoch.

Mir rate er zum schnellen Spaß mit ein paar Prostituierten. Ich sei ja ohnehin nicht lang im Land – abschleppen, zahlen, die Frauen wieder wegschicken, das sei eine einfache und saubere Lösung für mich.

Er selbst, so sagt Indiana Jones, mache inzwischen auch immer mal wieder in festen Freundinnen. Er schaut auf den Tisch, als schäme er sich für so viel Gefühlsduselei. „Man will sich ja auch mal geborgen fühlen, nicht jeden Morgen neben einer anderen aufwachen“, sagt er. „Aber es ist komplizierter mit einer Freundin. Wenn bei ihr in der Familie jemand krank ist, dann hast Du den gleich in Deiner Wohnung auf der Couch liegen. Wenn Dich das alles irgendwann nervt und Du Schluss machen willst, lässt sie sich Dich nicht in Ruhe. Dann redet sie von großer Liebe und ruft Dich immer wieder an – bis Du Ihr eine stattliche Abschiedssumme zahlst.“

In Afrika ist für Weiße und längst auch Asiaten alles möglich. Ich habe Menschen kennengelernt, die auf der Suche nach dem großen Geld waren, dann aber tatsächlich die Liebe gefunden haben und eine Familie gründeten. Er habe hier aber auch schon Senioren mit ihren blutjungen Freundinnen auf der Couch liegen sehen, gemeinsam an der Spielkonsole rumhantierend – so erzählt es ein Entwicklungshelfer, der länger im Land ist als ich. Mir geht es hier gar nicht darum, über den Einzelfall ein Urteil abzugeben. Ich beobachte, beschreibe, berichte. Ich bin Journalist.

Eines möchte ich dann aber doch sagen: Nach einem Gespräch mit Indiana Jones bin ich irgendwie froh und glücklich. Darüber, zu einer Generation zu gehören, die gelernt hat, dass es zu den am wenigsten sündigen Dingen auf der Welt gehört, sich einfach mal selbst einen runterzuholen.

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