Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Am kommenden Morgen werden wir von den Gesängen der Indris geweckt. Die größte verbleibende Lemurenart Madagaskars, optisch eine Mischung aus Teddy, Koala und Pandabär, lebt in etwa fünfköpfigen Familienverbänden aus Elterntieren und ihrem Nachwuchs und markiert ihr Territorium mit durchdringenden, lang gezogenen Rufen.

Wir brechen auf in den Wald, folgen der Straße bis zum Büro der Association Mitsinjo, eine lokale Naturschutz-Organisation, die unter anderem Wiederaufforstungsprojekte betreibt und Führungen durch ein Waldstück anbietet. So laufen wir mit Christian, einem Guide aus Andasibe, durch das Grün, beobachten eine Blauen Seidenkuckuck (Coua caerulea), Stabheuschrecken und lauschen dem Gesang der Indris. Vor einem unscheinbaren Baumstamm lässt uns Christian anhalten. Dort sitze ein Plattschwanzgecko (Uroplatus sikorae). Geschlagene fünf Minuten starren wir auf den Stamm bis sich die Konturen des Tieres vor unseren Augen abheben. Unglaublich, wie sich das nachtaktive Reptil in Farbe und Form seinem Untergrund anpasst. Unser Fahrer Tata ist ebenfalls begeistert. Er war noch nie im Regenwald und sieht viele Tiere seiner Heimat zum ersten Mal.

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Halb Tier, halb Pflanze: Ein Plattschwanzgecko verbringt den Tag getarnt als Baumstamm (Foto: Lennart Pyritz).
Der Wald hat noch mehr Kreaturen vorzuweisen. Zwei Teams der Natural History Unit der BBC in Bristol springen durch den Wald, filmen die Indris und eine Reihe weiterer Tiere. Team-Leiterin Emma Brennand erzählt: Gedreht wird für eine neue Serie unter dem Arbeitstitel „One Planet“. Einer der Kamera-Männer, Mark McEwen, war schon beim Dreh von „Last chance to see“ dabei. Eine großartige Serie, bei der sich Mark Cawardine und Stephen Fry in Gedenken an Douglas Adams auf die Spur vom Aussterben bedrohter Arten begeben.

Wir profitieren von den Dreharbeiten. Dorfbewohner aus Andasibe haben auf Bitten des BBC-Teams eine Reihe nachtaktiver Tiere gefangen, darunter ein Skorpion und fünf igelartige Tenreks, die wir am Rande einer Hütte im Wald bewundern können.

Mit dem Filmteam unterwegs ist auch Rainer Dolch, ein deutscher Biologe und Naturschützer, der seit Jahrzehnten zwischen Madagaskar und Deutschland pendelt, und als Koordinator für die Association Mitsinjo arbeitet. Er erzählt uns eine überlieferte Geschichte über den Ursprung der Indris: In grauer Vorzeit lebt ein Bruderpaar im Regenwald. Irgendwann entscheidet sich der eine, den Wald zu verlassen. Er wird später zum Menschen. Der im Wald zurückgebliebene Bruder wiederum wird zum Indri. Die melancholisch klingenden Rufe der Lemuren deuten die Madagassen so, dass der zurückgebliebene nach wie vor seinen Bruder ruft, der dem Wald den Rücken gekehrt hat. Für die Menschen der Region ist es fady, den Tieren nachzustellen; Geschwister jagt man nicht…

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