Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Argentinien vom Flugzeug

Millionen flirrend leuchtender Punkte in einem Meer von schwarzer Dunkelheit. An den Rändern franst der Lichterteppich ungleichmäßig aus, verschwindet in den Weiten der Pampa und im Rio de la Plata. Langsam verwandelt sich das Punkte-Meer in tausende Quadrate, durch die sich Lichterrschlangen winden. Der Anflug auf Buenos Aires war spektakulär schön. Auf der einen Seite des nachtschwarzen Rio de la Plata die Lichter Montevideos, der kleinen Schwester. Auf der anderen Seite das mächtige Buenos Aires, in das sich 30 Prozent der argentinischen Bevölkerung quetschen. In dieser Stadt werde ich die nächsten sechs Wochen verbringen.

Leider geht die Ankunft am Flughafen nicht ganz so sensationell weiter: mein Koffer fehlt. Nachdem das Gepäckband Runde um Runde gedreht hat und schließlich träge stoppt, ist klar, dass er wohl in Sao Paulo geblieben ist. Dort hatte ich den Flieger gewechselt. Bis ich ihn wieder habe, dauert es drei Tage und viele Nerven. Aber am Ende hab ich ihn und das zählt.

Schon auf der Taxifahrt vom Flughafen zu meiner Unterkunft höre ich die erste Meinung zu meinem Thema. Als ich Bruno, dem Taxifahrer – ein großer, gutmütiger und witziger Mann, der erst einmal eine Elvis Presley CD einlegt und auf der Fahrt zu Pavarotti auf Spanisch wechselt – von meiner Arbeit erzähle, empört er sich. Das sei ja ein endlos Thema, die Regierung gäbe vor, sie hätte viel getan, dabei sei alles nur Kosmetik. Das Wasser im Riachuelo sei immer noch genau so schmutzig wie eh und je. Und ich lerne gleich, dass alles, was etwas mit „Cristina“ zu tun hat, von Bruno verspottet oder verärgert kommentiert wird. Cristina Kirchner, die Präsidentin des Landes, kommt bei ihm nicht gut weg.

Der Riachuelo, das ist der Fluss, der sich auf circa 60 Kilometer Länge durch die Provinz und Stadt Buenos Aires schlängelt. Er mündet in den Rio de la Plata, ein riesiges Trinkwasserreservat. Riachuelo heißt auf Spanisch „Bach“. Ein schmutziger Bach ist der Riachuelo schon seit mehr als 200 Jahren. Denn traditionell sind entlang des Flusses unzählige Unternehmen angesiedelt, vor allem aus der Leder-, Fleisch- oder Chemieindustrie, die ihre Abfälle (früher?) ungeklärt in den Fluss geleitet haben. Der hat sich über Jahrzehnte hinweg in eine wahre Kloake verwandelt. Zuletzt wurde der Fluss in eine Liste der zehn schmutzigsten Orte der Welt gewählt, die vom Grünen Kreuz herausgegeben wurde. Besonders Chemikalien seien demnach für die Verschmutzung verantwortlich.

Im Jahr 2009 hat die Weltbank 840 Millionen Dollar bewilligt, um den Fluss zu reinigen, die industrielle Verschmutzung zu bekämpfen und ein Abwassersystem aufzubauen. Zuvor, im Jahr 2008, hatte der Oberste Gerichtshof Argentiniens ein entsprechendes Urteil gefällt. Dieses Urteil ging auf eine Beschwerde der Nachbarschaftsvereinigung von La Boca, dem ehemaligen Hafenviertel, zurück. Dort mündet der Riachuelo in den Rio de la Plata.

Was ist seitdem passiert? Das möchte ich in den nächsten Wochen herausfinden.

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