Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.
Che-Fanatiker Eladio González in seinem Privat-Museum

Che-Fanatiker Eladio González in seinem Privat-Museum

Ich bin jetzt seit gut zwei Wochen in Buenos Aires, aber jedes Mal, wenn ich denke, das Land ansatzweise verstanden zu haben, schlägt die Realität wieder zu. Auf den ersten Blick ähnelt die Stadt vielen südeuropäischen, vor allem spanischen Städten. So habe ich zum Beispiel innerhalb von wenigen Tagen problemlos eine Wohnung im prenzlauerbergesken Viertel Palermo Soho zur Untermiete gefunden, mein Vermieter ist wie die meisten Leute hier freundlich und hilfsbereit. Entgegen vieler Warnungen habe ich bisher noch kein Falschgeld zurückbekommen, beim Wechselgeld runden die meisten Verkäufer sogar zu meinen Gunsten, statt mich übers Ohr zu hauen. Aber auch da gibt es Ausnahmen. Taxen kann man praktisch nur nehmen, wenn man das Fahrtgeld genau passend in der Tasche hat. Wenn nicht, dann tun Sie entweder so, als hätten Sie kein Wechselgeld, gerade wenn sie hören, dass man Ausländer ist. Oder sie tauschen den Schein gegen Falschgeld aus und empören sich dann, die Note wäre nicht echt und wollen eine neue. Eine Deutsche, die ich hier bei einem Tandem-Sprachtreffen zwischen Argentiniern und Deutschen getroffen habe, hat mir erzählt, dass der Taxifahrer beim Anblick eines großen Scheins sein Messer gezogen und gefragt hat, was sie sonst noch dabei hätte.

Da ist man zwangsläufig auf U-Bahn (Subte) und Bus angewiesen, was auch nicht ganz unproblematisch ist. Beide brauchen ewig, um einmal durch die Stadt zu kommen. Die Subte ist zur Rush Hour so überfüllt, dass man mehrere Bahnen abwarten muss, bis man sich hineinquetschen kann. Und die Busse fahren auf verschlungenen Pfaden, Haltestellen sind kaum als solche zu erkennen, oft ist es nur ein Baum mit einer Nummer drauf oder es gibt gar keinen Hinweis, dass der Bus hier mitten auf der Straße hält. Es gibt zwar einen fast 200-seitigen Busplan (Guia-T), der aber so kompliziert ist, dass es Einführungsseminare an der Uni dafür geben sollte. Trotzdem klammert man sich panisch daran, um herauszufinden, an welcher Straßenecke der Bus gerade ist und ob man nicht schon vor zwölf Häuserblocks (Cuadras) hätte aussteigen müssen. Die Straßen sind hier oft kilometerlang. Und Tickets kann man auch nur mit Kleingeld füttern, also fängt man manisch an, Münzen zu horten, weil hier nie jemand Kleingeld herausgibt.

Eine Gardel-Anhängerin aus Uruguay steckt der Tango-Legende eine Zigarette an

Eine Gardel-Anhängerin aus Uruguay steckt der Tango-Legende eine Zigarette an

Dazu amüsieren sich die Argentinier köstlich über mein europäisches Spanisch, was in argentinischer Mundart gerne einmal etwas Zweideutiges bedeutet.

Zusammen mit der Angewohnheit vieler Argentinier, ihr Telefon einfach klingeln zu lassen, nicht zurückzurufen und E-Mails erst nach mehrfacher Erinnerung zu beantworten, macht das alles die Recherchen nicht gerade einfach. Dennoch habe ich schon viele verrückte Dinge gesehen und interessante Leute interviewt. Ich war beim Parteitag der Jung-Peronisten, die in einer Konzert-Arena stundenlang durchgehend getrommelt, gesungen und Fahnen geschwenkt haben, bis die Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner eine Evita-artige Propaganda-Rede gehalten hat. Ich war im Stadion von Boca Juniors, für die Maradona einst gespielt hat, wo es noch lauter war als bei den Peronisten. Und wo ich eine verlorengegangene Akkreditierrung vortäuschen musste, um nach zwei Stunden doch noch ins Stadion zu kommen – denn Karten werden nur noch an Mitglieder verkauft. Im Stadion vom Lokalrivalen River ist das einfacher, dafür wird man nach Spielschluss eine halbe Stunde im Stadion eingesperrt und erst nach den Gästefans rausgelassen, um Zusammenstöße zu vermeiden. Ich habe mich stundenlang von einem Che-Fanatiker missionieren lassen, der Südamerikas erstes Che-Museum gegründet hat und es mittlerweile in seinem Trödel-Laden untergebracht hat. Ich habe mit dem Künstler gesprochen, der Argentiniens einziges Che-Monument aus 30.000 gespendeten Bronzeschlüssel gegossen hat. Ich war in Museen, an Gräbern, um mit Leuten zu sprechen, habe unzählige Mailboxen vollgesprochen und habe mich von Maradonas Pressesprecher vertrösten lassen („Interview? Vor November geht da gar nichts“), um Maradona dann am nächsten Tag im großen Fernsehinterview zu sehen. Nur mit der „Iglesia Maradoniana“, der ironischen Maradona-Religion, habe ich nicht gesprochen – die wollen mittlerweile 1000 Dollar für Interviews mit ausländischen Medien. Dafür geht es heute Nacht per Bus nach Uruguay, zu Gardels (vermutlichem) Geburtsort mitten im Nichts. Das Geburtshaus-Museum dort ist nur per Funk zu erreichen – und damit meine ich nicht mit Mobilfunk, ich meine Funk.

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