Kurz vor Mitternacht des 13. November sprachen sich die News über die Terroranschläge von Paris blitzartig herum. Es war ein ungewöhnlich warmer Herbstabend, der die Menschen nach draußen und in die Kneipen und Cafés des zentralen Rotschild Boulevards zog.   Mit jedem Update der mobilen Live-Ticker und jeder neuen Push-Message, die mehr Details ans Licht brachten, wurde die Stimmung angespannter. Ein paar Stunden später ist klar: Gerade passierte der bisher brutalste islamistische Angriff auf europäischem Boden.

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Am gestrigen Abend rief aufgrund dieser Ereignisse der französische Botschafter in Israel, Patrick Maisonnave, zu einer Gedenk- und Solidaritätskundgebung auf. Knapp  5000 Menschen folgten der Stunden zuvor über Facebook verbreiten Einladung und versammelten sich auf dem Rabin-Platz in der Tel Aviver Innenstadt. Viele französische Juden nahmen waren unter den Teilnehmern: Eine Einwanderungswelle nach Israel in den letzten Jahren folgte auf brutale antisemitische Attacken in Frankreich.

Hier, wo vor 2 Wochen zehntausende dem vor 20 Jahren ermordeten Ministerpräsidenten Itzak Rabin gedachten, wehten nun dutzende französische Fahnen. Das Haus der Stadtverwaltung leuchtete in den Farben der tricolore. Es sprachen der Ex-Präsident Shimon Peres, der stellvertretende Premierminister Silvan Shalom und der Oppositionsführer der Arbeiterpartei, Isaac „Bugie“ Herzog.

Die Israelis wissen, was es bedeutet, im Fadenkreuz von Terroristen zu stehen.  Daher zeichnet sich ihre Anteilnahme in erster Linie nicht durch die eines handlungsunfähigen Schocks aus, spürbar ist vielmehr eine aufgeweckte, kämpferische Solidarität. Attentäter, die aus islamistischer und nationalistischer Motivation Menschen morden, sind in Israel nicht Teil einer Horror-Fantasie aus  schlimmsten Albträumen, sondern seit vielen Jahren Realität. So sicherte Premierminister Benyamin Netanyahu den Franzosen die sofortige Unterstützung des Geheimdienstes zu und sein Stellvertreter rief auf dem Kikar (hebr. für Platz) Rabin zum gemeinsamen Handeln auf: „Die unschuldigen Opfer von Paris sind die Opfer des militanten Islamismus. Islamischer Terrorismus greift unsere Gesellschaft an, weil er unsere Zivilisation und unsere Werte zerstören will.“

Tomer kam aus einem kleinen Vorort Tel Avivs zur Kundgebung, um seine Solidarität mit dem Schmerz des französischen Volkes auszudrücken:  „Jetzt  wachen die Europäer hoffentlich auf. Es ist ja nicht das erste Mal, aber dass es so heftig wird, hätten wohl wenige für möglich gehalten. Nun hat der Terror Frankreich erreicht. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.“ „Vive la liberté“ stand auf seinem spontan selbstproduzierten Plakat: „Ich bin hier um unsere gemeinsamen Werte zu verteidigen.“

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Marie (27), aus Nantes, die vor zwei Jahren nach Israel eingewandert ist, sieht im ganz normalen weiterleben die beste Strategie „gegen die Ansichten des politischen Islams“ und gegen den Terror: „Das einzige, was wir machen können, ist das Leben zu genießen, als wäre nichts passiert. Alles andere ist ein Sieg für die Islamisten und ihre Sympathisanten.  Ich werde gerade heute Abend noch in eine Bar und später Tanzen gehen – obwohl ich morgenfrüh schon wieder arbeiten muss.“

Teilweise streuten sich unter die Solidarität aber auch kritische Töne. Ob es derlei Solidaritätskundgebungen denn auch in Deutschland gäbe, wenn Israel betroffen sei, wollte einer wissen.

 

Radioreporter des israelischen Armeesenders "Galgalatz"

Radioreporter des israelischen Armeesenders „Galgalatz“

Amir, mit dem ich länger sprechen konnte, sieht einen großen Teil der Schuld bei der europäischen Einwanderungspolitik: „Es werden völlig unkontrolliert zehntausende nach Europa gelassen, ohne Identitätscheck. Isis hat schon häufig gesagt, dass ihre Leute es geschafft haben, sich so nach Europa einzuschleusen.“

Amir, der 34 Jahre alt ist und sein Geld durch den Verkauf von Elektrofahrrädern verdient, betont mehrfach, dass er mit Muslimen kein Problem hat. Doch, in Europa, so sagt er,  gibt es kein Verständnis von islamistischem Terror. „Dort geht man davon aus, dass sich alle Probleme durch Dialoge lösen lassen. Aber das ist falsch. Ebenso, wie die Annahme, es sei der Rassismus der französischen Gesellschaft, der Leute zu solchen Gewalttaten verleite. Der radikale Islam breitet sich immer weiter aus. Wir Israelis gehören zu den wenigen, die dieses Problem erkannt haben.“

Die Veranstaltung endete mit dem Abspielen der französischen und der israelischen Nationalhymne.

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