Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Es gibt mehrere Gründe, warum einem manche Fabriktore verschlossen bleiben. Einer hängt mit der Perspektive zusammen aus der bewertet wird, was dahinter vor sich geht. Unternehmer aus Äthiopien selbst, aus Indien oder China mögen stolz darauf sein, in den spärlich besiedelten Industriegebieten des Landes eine Firma zu leiten. Seht her, wir sind es, die tausenden Menschen Arbeit verschaffen und die Entwicklung des Landes vorantreiben. Das ist die Botschaft, die sie bei einer Führung über ihr Gelände gerne loswerden.

Sie wissen, dass jene Entwicklung noch ganz am Anfang steht. Das wissen zwar auch die Modefirmen aus Europa und den USA. Gleichzeitig sind sie sich jedoch im klaren darüber, dass der durchschnittliche Käufer ihrer Kleidung und so manch ein Besucher völlig anders auf das blicken mag, was hinter den Fabriktoren vor sich geht.  Und genau deshalb wollen viele lieber nicht, dass jemand Fremdes ihre Produktion sehen darf.

Das Tor einer Textilfabrik, das ich durchschreiten durfte

Das Tor einer Textilfabrik, das ich durchschreiten durfte

Im Nordwesten Äthiopiens, in Bahir Dar, gibt es das gleichnamige äthiopische Textilunternehmen, das Besuchern die Tore öffnet. Das Staatsunternehmen produziert nun schon seit etwa einem halben Jahrhundert vor allem Bettbezüge, klassisch weiß, aber auch verziert mit Blumen, Kreuzen oder farbig gestreift. Die 1400 Mitarbeiter arbeiten in einem Schichtsystem, damit die Näh-, Web- oder Spinnmaschinen rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche laufen. Manche von Ihnen bekommen etwa 45 Euro – im Monat.

Die Löhne werden in den anderen Fabriken des Landes ähnlich niedrig sein. Denn genau mit ihnen wirbt das Land um internationale Investoren. Wären sie wesentlich höher, würden sie in Ländern wie Bangladesch und China bleiben. Wer diese Gehälter mit europäischen vergleicht, fällt schnell ein vernichtendes Urteil. Vor dieser Perspektive fürchten sich die westlichen Modeunternehmen. Zumal, wenn sie ein Journalist einnehmen und veröffentlichen könnte.

Dabei gäbe es auch eine andere Geschichte zu erzählen. Im Gegensatz zu manchen Firmen in Asien gibt es in Bahir Dar eine Gewerkschaft, die regelmäßig einen neuen Tarifvertrag aushandelt. Die Mitarbeiter werden mit Bussen abgeholt und nach Hause gebracht. Sind sie krank, können sie die freiwillig errichtete Krankenstation besuchen und eine bezahlte Auszeit nehmen. Im Laufe ihres Arbeitslebens erhöhen sich die Urlaubstage und die Rente, die sie einst bekommen. Und überhaupt: Was bedeuten eigentlich 45 Euro Monatsgehalt in einem Land, in dem eine Tasse Tee oft keine fünf Cent kostet?

40 Prozent der Angestellten sind Frauen, wie diese Näherin

40 Prozent der Angestellten sind Frauen, wie diese Näherin

Das will die internationale Arbeitsorganisation gemeinsam mit einem Unternehmen ermitteln, das besonders verschwiegen ist: H&M. Sie haben nun eine Umfrage unter den Fabriken des Landes gestartet, um sich ein Bild über die Arbeitsbedingungen zu verschaffen – über Löhne, Arbeitszeiten, Fortbildungen, Gewerkschaften und die soziale Absicherung der Angestellten. Und sie wollen das ins Verhältnis setzen zu den tatsächlichen Lebenskosten.

Für die Textilbranche Äthiopiens, die seit weniger als zehn Jahren überhaupt erst an Exportmärkte denkt, ist die Veröffentlichung einer solchen Studie ein großer Fortschritt. Noch ist es aber nicht so weit. Gar nicht so einfach also, zu bewerten, was hinter den Fabriktoren vor sich geht. Schon gar nicht, wenn sie einem manchmal verschlossen bleiben.

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