Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Ambon ist die Hauptstadt der Molukken und die letzte Station meiner Recherchereise. Die Stadt reicht von einem kleinen Hügel im Südwesten bis zum Meeresufer. Wie in allen anderen indonesischen Städten wuselt der Verkehr vor sich hin, es riecht nach verbranntem Plastik und gehupt wird lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Was hier aber anders ist: Ambon hat eine bittere Vergangenheit.

Zwischen 1999 und 2002 kam es hier zu verheerenden Ausschreitungen zwischen Muslimen und Christen, wodurch mehr als 5.000 Menschen starben, 500.000 verloren ihr Zuhause, tausende flüchteten. Die Gründe für den Konflikt sind sehr vielschichtig, aber hauptsächlich politischer Natur. In Ambon waren traditionell überdurchschnittlich viele Menschen in staatlichen Behörden beschäftigt, die allermeisten davon Christen, weil die Molukken wegen der Kolonialisierung durch die Holländer stark christlich geprägt waren. Mit der Zeit bekamen immer mehr gut ausgebildete Muslime aus anderen Teilen Indonesiens Stellen in Ämtern, wodurch manche elitäre Christen ihre Existenz bedroht sahen. Sie machten Stimmung gegen Muslime, die ihrerseits abweisend reagierten. In Ambon entwickelte sich eine angespannte Atmosphäre zwischen Muslimen und Christen, die von falschen Gerüchten und politischen Motivationen geprägt war.

Es brauchte nur einen eigentlich unbedeutenden Streit zwischen einem christlichen Busfahrer und einem muslimischen Kunden, der das Fass zum überlaufen brachte. Noch am selben Tag zogen wütende Mobs durch die Straßen von Ambon: Christen zündeten Moscheen an, Muslime brannten Kirchen ab. Auf den Straßen eskalierte die Gewalt in den folgenden Monaten, es kam zu blutigen Ausschreitungen auf den Straßen, Plünderungen und Massakern an Zivilisten. Das indonesische Militär versuchte erfolglos die Situation unter Kontrolle zu bringen. Nach drei Jahren wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet, der allerdings immer wieder von Einzeltätern nicht beachtet wurde. Keine Seite konnte sich als Sieger erklären, weil weder Muslime noch Christen an Macht gewonnen haben.

Was geblieben ist, sind tiefe Gräben in der Gesellschaft, die nur schwer wieder aufgefüllt werden können. Lebten Muslime und Christen vor dem Konflikt noch gemischt in ihren Vierteln, gibt es heute klare Grenzen zwischen muslimischen und christlichen Stadtvierteln. Noch immer gibt es in Ambon Ruinen von abgebrannten Kirchen und Moscheen. Beeindruckt hat mich vor allem eine Moschee im Norden der Stadt, von der nur noch die Grundmauern stehen geblieben sind. Dort, wo früher das Dach war, sind immer noch verkohlte Holzbalken zu erkennen und dort, wo früher Muslime ihre Gebetsteppiche ausgerollt haben, spielen heute Kinder Fußball – ein Bolzplatz, den sie gar nicht anders kennen und der für sie Normalität ist. Früher war dies ein gemischtes Viertel, heute leben hier nur noch Christen. Wer damals die Moschee angezündet hat, kann mir keiner der heutigen Bewohner sagen.

Ebenso eindrücklich war eine kleine Kirche, von der nur noch der Glockenturm, das Eingangstor und der Grundriss zu erkennen ist. Auf der Grundfläche, wo früher Altar und Kirchenbänke standen, haben zwei Familien ihre bescheidenen Häuser gebaut. Gegenüber steht seit jeher eine Moschee, früher ein Zeichen friedlichen religiösen Miteinanders, leben in diesem Viertel heute nur noch Muslime. Als ich Fotos von den Resten der Kirche mache, kommt ein junger Mann auf mich zu, der wissen will, warum ich hier fotografiere, wo ich her komme und was ich hier zu suchen hätte. Er ist merklich aufgebracht und als ich ihm sage, dass ich zum Ambon-Konflikt recherchiere, sagt er mir sehr bestimmt, dass auch die Christen Moscheen zerstört haben und ich davon gefälligst auch mal Fotos machen soll. In dieser Situation war es wirklich gut, dass ich Indonesisch spreche, weil ich ihm so erklären konnte, dass ich mich in Indonesien gut auskenne, beide Seiten darstellen will und mir auch die abgebrannte Moschee anschauen werde. In diesem Moment habe ich deutlich gemerkt, dass der Konflikt noch immer ein hoch sensibles Thema ist.

Wie bei der Demonstration von zahlreichen Muslimen gegen den christlichen Gouverneur von Jakarta Anfang November 2016 wurde auch in Ambon Religion als politisches Werkzeug genutzt. Die Ursache des Konflikts war in keiner Weise religiöser Natur. Muslimische und christliche Eliten nutzen Religion lediglich, um die Bewohner zu emotionalisieren und anzustacheln. Meiner Meinungs ist es sehr bedenklich, dass sich dieses Muster auch in diesem Herbst in Jakarta wiederholt und mehr als 100.000 Demonstranten auf die Straße brachte.

Dennoch haben mir alle muslimischen und christlichen Bewohner und Experten in Ambon erklärt, dass die Situation momentan in Ambon friedlich sei und sie nicht an eine Wiederholung derartiger Konflikte glauben. Es gibt einige Initiativen, die sich für einen Dialog zwischen Muslimen und Christen einsetzen. Es ist zu hoffen, dass einzelne Provokateure, die es immer noch ab und zu gibt, keinen Erfolg haben werden.

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