Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Getötet wurde mit Bambusstöcken und Macheten, mit Schaufeln und scharfen Palmblättern. Kambodscha hat zwischen 1975 und 1979 einen Genozid erlebt. Die Opfer waren keine ethnische oder religiöse Minderheit, sondern willkürlich ausgewählte Menschen. Nachbarn und Unbekannte, Familienmitglieder und Fremde. Schätzungen gehen von bis zu 2 Millionen Toten aus.

Die Killing Fields: früher Hinrichtungsstätte. Heute Gedenkort.

In den Erinnerungen der Menschen ist diese Zeit noch sehr präsent. In Interviews nehmen Gesprächspartner Bezug darauf oder begründen ihre Entscheidungen mit Erfahrungen aus dieser Zeit. Überall im Land gibt es Gedenkstätten, die Zeit ist historischer Hintergrund für tief verborgene Ängste und menschliche Verhaltensweisen. Tief verwurzelt im kollektiven Gedächtnis.

Von 1975 bis 1979 regierte Pol Pot und seine Organisation „Angka“ das Land. Sie gelten heute als sogenannte Steinzeitkommunisten. Das heißt: Kambodscha sollte wieder zu einem reinen Agrarstaat werden, unabhängig von ausländischen Einflüssen und Importen. Dieses Ziel setzte Pol Pot mit rücksichtsloser Gewalt um: Zwangsumsiedlungen, Entvölkerung von Städten, utopische Agrarziele, Verbot von Privatbesitz, Abschaffung des Geldes sowie die brutale Verfolgung und Hinrichtung von vermeintlichen Gegnern. Übrigens: Lange Zeit unterstützt und anerkannt von den Vereinten Nationen.

An diesem Baum wurden Babys getötet. Heute zeigen Besucher ihre Anteilnahme mit bunten Armbändern und kleinen Geldopfern.

Der markanteste Ort dieser kollektiven Erinnerung sind die Killing Fields, ein stilles Areal vor den Toren der Hauptstadt Phnom Penh. Eine ehemalige Hinrichtungsstätte für zehntausende Kambodschaner. Sie wurden hingerichtet, weil sie als Gegner des Systems identifiziert wurden. Männer, Frauen und Kinder wurden hingerichtet, sogar Säuglinge mit brutaler Gewalt gegen Baumstämme geschleudert und getötet. Nachts wurde laute Musik gespielt – um die Todesqualen der Opfer zu übertönen.

„Besser ein Dutzend Unschuldige verhaften, als einen Schuldigen entkommen lassen“, so wird Pol Pot zitiert. Besonders im Fokus seiner Verfolgungen: die intellektuelle Elite des Landes. Beamte, Militäroffiziere, Lehrer oder Mönche. Sein Ziel war es die Bildungselite des Landes auszurotten um mit der jungen, indoktrinieren Generation und der ungebildeten Landbevölkerung ein Staat nach seinen Vorstellungen formen zu können.

Zehntausende Menschen wurden auf den Killing Fields hingerichtet und umgebracht.

Die Folge: Wer eine Brille trug war verdächtig. Wer zarte Hände hatte, dem drohte Verhaftung. Und wer mehrere Sprachen sprach war dem Tode geweiht. Die Konsequenzen zeigen sich auch noch heute. Mit der Bildungsschicht ging auch eine Generation von Wissen verloren. Ihre Erfahrungen und ihr Wissensschatz wurde nur rudimentär weitergegeben. Außerdem: Das Fehlen einer breiten Bildungsschicht verzögerte einen raschen Wiederauffbau des Landes nach dem Pol-Pot-Regime und erschwert eine effektive Verwaltung. Darüber hinaus hatten die Menschen gelernt: Bildung und intellektuelles Interesse wurde mit Gefahr assoziiert. So blieben viele Millionen Kambodschaner aus Selbstschutz ungebildet und gaben ihr Wissen nicht an die nachfolgende Generation weiter.

Heute, knapp 30 Jahre nach dem Ende des Steinzeitkommunismus-Regimes, sind immer noch weite Teile der Bevölkerung unzureichend ausgebildet. Auch in Migrationsfragen: Was ist ein Reisepass? Wie gelange ich über die Grenze? Wie stelle ich einen Visa-Antrag? Welche Arbeit darf ich im Ausland annehmen? Was sind meine Rechte und Pflichten? Dieses Unwissen macht sie anfällig für Versprechungen und Angebote von zwielichtigen Arbeitsvermittlern und Menschenhändlern. Sie haben keine Wahl: Sie müssen vertrauen. Und werden häufig enttäuscht.

 

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