Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.
Maradonas Jugendhaus im Elendsviertel Villa Fioritio

Maradonas Jugendhaus im Elendsviertel Villa Fioritio

Mit Argentinien ist es wie mit Diego Maradona und umgekehrt: Wer verstehen möchte, der muss das Widersprüchliche akzeptieren und das Gegensätzliche kennen. „Wer Maradona verstehen will, begibt sich in ein Labyrinth“, hatte mich César Luis Menotti gewarnt, der argentinische Weltmeistertrainer von 1978, ein Philosoph auf der Trainerbank, der Maradona kennt, seit er 16 Jahre alt war.

Das Labyrinth ist etwa 30 Kilometer lang, es beginnt in Villa Fiorito und endet in Trébol. Beides sind Vororte von Buenos Aires, beide sind die Heimat Diego Maradonas, des besten Fußballers, den Argentinien, vielleicht sogar die Welt je hervorgebracht hat, und beide könnten gegensätzlicher nicht sein. Wer die 30 Kilometer zurücklegt zwischen Villa Fiorito, wo Maradona aufgewachsen ist, und Treból, wo der 49-Jährige heute lebt, der begibt sich auf eine Reise von der Dritten in die Erste Welt, der lernt alle Extreme kennen, die Argentinien in sich vereint. Der Mythos Maradona ist vielleicht das einzige, was beide Gegensätze überbrückt. Maradona ist in Villa Fiorito aufgewachsen, hat im Dreck Fußball gespielt, wurde Weltmeister und besitzt heute ein Anwesen in Trébol einer der teuersten Wohngegenden Argentiniens. Seine heutige Heimat ist eine Villa im Grünen, mit hohem Zaun und eigenen Sicherheitsleuten, die Neugierige vertreiben. In Trébol riecht nach frisch gemähten Rasen, Bedienstete pflegen hier die Vorgärten. In einem Baum seinem Haus hängen immer noch Plakate von Anhängern, die fordern, dass er wieder Nationaltrainer werden soll, trotz des blamablen WM-Aus gegen Deutschland. Sie glauben immer noch, dass mit Diego alles besser wird. Keiner neidet ihm den Erfolg, im Gegenteil: Er ist einer der es geschafft hat, er lebt den Traum von vielen. Um das zu verstehen, muss man die 30 Kilometer nach Fiorito zurücklegen, über staubige Straßen, auf denen die Leute Pferdekarren fahren, weil sie sich Autos nicht leisten können.

Fiorito ist eine Villa. Das liest sich auf Deutsch sehr mondän: ein Landhaus im Grünen, mit Veranda und Springbrunnen. Doch Fiorito ist keine Villa, wie es Maradonas Haus in Trébol ist. Für Argentinier liest es sich „Vischa“: ein Elendsviertel, ein Slum, ein Stück Dritte Welt vor der Haustür, die keiner der Porteños (Bewohner von Buenos Aires) freiwillig betritt. 40.000 Menschen leben hier im Vorortselend, etwa die Hälfte ist ohne Arbeit, der Drogenhandel blüht. Die wenigsten Straßen sind geteert, die meisten Häuser sind Steinruinen ohne Dach, es riecht nach verbranntem Plastik. Die Menschen hier verbrennen den Müll vor ihren Häusern, denn niemand kommt, um ihn abzuholen. Kinder spielen Fußball auf einem eingezäunten Schulhof. Sie wollen eines Tages der Armut entkommen, wollen werden wie Maradona. „Das ist die große Illusion Argentiniens“, hat der Psychoanalytiker Carlos Pierini geschrieben. Sein Essay in einer Tageszeitung beschreibt Maradona eine Metapher für die argentinische Realitätsflucht. Pierini erhielt daraufhin zahlreiche Drohbriefe von aufgebrachten Argentiniern. „Maradona gaukelt den Menschen einen Aufstieg vor, der für die meisten Menschen nicht nachahmbar ist“, klagt er mir im Interview.

Doch für die Menschen in Fiorito ist Maradona immer noch ein Held. Sein Jugendhaus liegt an einer ungeteerten Seitenstraße, davor stapeln sich Müllsäcke. Mittlerweile leben hier Hausbesetzer, die mich ebenso vertreiben wie der Sicherheitsmann vor Maradonas Nobelvilla. „Maradona war schon lange nicht mehr in Fiorito“, sagt eine Nachbarin. Zuletzt war er 2008 hier, nachdem er sich 15 Jahre nicht hatte blicken lassen. Erst kam er mit dem Dokumentarfilmer Emir Kusturica, der einen Film über Maradonas Leben drehte, dann forderte Maradona bei einer Wahlkampfveranstaltung eines Lokalpolitikers, dass die Straßen in Fiorito geteert werden sollen. „Er ist das Sprachrohr der Armen, er spricht für die, die nicht gehört werden“, sagt Fernando Signorini. Keiner kennt Maradona so gut wie er. Signorini ist seit fast 30 Jahren Maradonas privater Kondtionstrainer und bis heute ein enger Freund. Er beschreibt Maradona als einen modernen Robin Hood.

Doch geschehen ist nach Maradonas noblen Worten in Villa Fiorito nichts. Die Straße vor seinem verfallenen Jugendhaus ist immer noch aus Staub und Schlamm. Es ist wie so oft bei Maradona, dem Sprachrohr der Armen: Er prangert öffentlich an, geriert sich als Rächer der Armen, unternimmt aber selbst nichts. Bis heute gibt es keine Maradona-Stiftung, keiner der Millionen von Pesos, die er in seiner Karriere verdient hat, ist nach Fiorito geflossen. „Es ist nicht Diegos Aufgabe, Geld zu spenden“, verteidigt ihn sein Freund und Trainer Signorini. „Es ist die Aufgabe, der Politiker, Strukturen zu schaffen.“ Doch die sonnen sich nur bei öffentlichen Auftritten mit Maradona, wie das Präsidentenehepaar Kirchner. Nestor und Cristina empfingen Maradona Anfang Oktober in ihrem Regierungssitz, in der Hoffnung, er könnte ihren Wahlkampf 2011 unterstützen. Auch sie gerieren sich als die Helfer der Armen, setzen auf Personenkult und wären gern ein Mythos wie Maradona. „Die Leute glauben ihnen“, sagt Psychoanalytiker Pierini, „denn die Argentinier leiden unter der Neurose, auf die Erlösung durch eine Führungsfigur zu hoffen und ihre Mythen zu pflegen, statt selbst die Initiative zu ergreifen.“ Für ihn überbrückt der Mythos Maradona nicht die landeseigene Kluft zwischen erster und dritter Welt, zwischen Trébol und Fiorito– er hält sie aufrecht.

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