Man könnte meinen, in einem Entwicklungsland wie Ruanda drehe sich alles um Ernährung, Bildung und Sicherheit der Bevölkerung. Für Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit sei wenig Platz, so wie es wohl in vielen anderen afrikanischen Staaten der Fall ist. Doch das ist ein Trugschluss.

Schon 2011 gab die ruandische Regierung eine „Green Growth and Climate Resilience Strategy“ heraus. Das anhaltend schnelle Wirtschaftswachstum des Landes soll die Umwelt nicht zerstören. „Ruanda ist wie eine Case Study“, erzählte mir David Toovey, freiberuflicher Pressesprecher des grünen Fonds FONERWA, in meiner zweiten Woche hier. „Was Wissenschaftler in Sachen Klimaerwärmung vorhersagen, passiert in Ruanda bereits: Es regnet seltener, dafür stärker. Dadurch gibt es sehr schwerwiegende Überflutungen. Allein in diesem Jahr wurden schon mehr als 200 Menschen durch Landsliding getötet.“

Ruanda hat ein ganz unmittelbares Interesse daran, dass die weltweite Klimaerwärmung verlangsamt wird. „Grüne“ Initiativen sind deshalb hochwillkommen, werden unterstützt und gefördert. Das ist einer der Gründe dafür, dass es Firmen, Unternehmer und NGOs, die in Afrika etwas entsprechendes auf die Beine stellen wollen, häufig als erstes nach Ruanda zieht.

30.000 Motos sind laut Josh Wale in Kigali unterwegs.

So zum Beispiel Josh Wale. Der Neuseeländer hat den Plan, Moto-Taxis in Ostafrika zu elektrifizieren. „In Ruanda gibt es etwa 75.000 Moto-Taxis – das ist mehr als die Hälfte aller Fahrzeuge hier“, erzählte mir Josh, als ich ihn in seiner kleinen Motorrad-Werkstatt in Ruandas Hauptstadt Kigali besuchte. Tatsächlich wimmelt es in Kigali nur so von den Motorrad-Taxi-Fahrern. Selbst wenn ich einfach nur an der Straße entlangschlendere, werde ich in der Regel alle paar Meter von einem Moto-Fahrer angehupt – ein Angebot, aufzusteigen. Die Motos sind oftmals alt und knattern mit qualmendem Auspuff Kigalis viele Hügel hinauf. Ich kann mir gut vorstellen, wie viel leiser die Straßen, wie viel besser die Luft wäre, wenn alle diese Motos mit Strom führen.

Josh Wale auf seinem Prototyp eines E-Motos.

Josh hat mit einem Team von sechs Leuten bereits einen Prototyp eines E-Motorrads gebaut. Statt zu tanken, würden die Fahrer in Zukunft einfach ihren leeren Akku an der Tankstelle abgeben und einen neuen, vollen erhalten, mit dem sie dann wieder mindestens 70 Kilometer fahren können. Josh sagt: „Als wir der Regierung unser Konzept vorgestellt haben, wollten die nur wissen, wann wir die ersten Motos auf den Markt bringen. Von ob war keine Rede.“

Auch für Elektro-Autos gibt es in Ruanda bereits Pläne: Ende Juni hat Volkswagen ein Werk in Kigali eröffnet. Polos, Passats und Teramonts sollen hier gebaut werden – und Elektroautos, aber erst ab 2019. Außerdem soll das Prinzip des Carsharings eingeführt werden.

Während ich für das Treffen mit Josh gerade mal eine Whatsapp-Nachricht verschicken musste, macht VW es mir sehr schwer, an genauere Infos zu deren umweltfreundlich klingenden Plänen zu kommen. Ich frage bei der weltweiten VW-Pressestelle nach, die mich an die Pressestelle in Südafrika verweist, die mir schließlich den E-Mail-Kontakt von Michaella Rugwizangoga geben, der Geschäftsführerin des Werks in Kigali. Nachdem ich mit ihr ein paar Mails ausgetauscht habe, schicke ich ihr ein paar meiner Fragen zu und bitte um ein persönliches Gespräch. Eine Antwort erhalte ich – auch nach nochmaliger Nachfrage – nicht.

Über einen jungen Startup-Gründer, den ich in Kigali kennengelernt habe, finde ich Michaella Rugwizangogas Handynummer heraus. Kigali ist klein, die Leute kennen sich. Ich schreibe der Geschäftsführerin eine Whatsapp-Nachricht, kann sehen, dass sie online ist. Doch eine Antwort erhalte ich wieder nicht.

Das VW-Werk in Kigali.

Als ich Bonfils, einem befreundeten ruandischen Journalisten, davon erzähle, sagt er kurzerhand: „Lass uns hinfahren“. Ich willige ein, doch während wir auf Moto-Taxis zu dem abgelegenen Werk fahren, denke ich mir: „Was für eine Schnappsidee. Als ob die mich dort einfach so zur Geschäftsführerin durchlassen.“ Meine Skepsis verstärkt sich noch, als die Moto-Fahrer vor einem Gebäude anhalten, das aussieht, wie ein Autohaus. „Bist du sicher, dass es hier ist?“, frage ich Bonfils. „Nein“, sagt er.

Wir gehen in einen Saal hinein, in dem mehrere neue Autos stehen, und sprechen einen Mann an, der dort sitzt. Ich frage ihn ohne jede Hoffnung auf Erfolg, ob die Geschäftsführerin des Werkes zu sprechen sei. Zu meiner großen Überraschung nickt der Mann, führt mich eine Treppe hinauf in ein kleines Büro – und zeigt auf eine Frau, die dort am Schreibtisch sitzt: „Hier ist sie“. Ich bin baff, schüttele Frau Rugwizangoga die Hand, sage meinen Namen. Sie erstarrt kurz, sagt dann: „Ich glaube, wir schulden Ihnen eine E-Mail.“ Dann bittet sie mich, Platz zu nehmen, und erklärt mir freundlich und etwas beschämt, sie habe mir nicht geantwortet, weil sie keine meiner Fragen beantworten konnte. Das VW-Werk habe ja gerade erst eröffnet. Das Carsharing laufe noch nicht, es gebe kaum Mitarbeiter und sie wolle sich nicht auf Fakten und Zeitpunkte festlegen.

Am nächsten Tag schreibt mir Michaella Rugwizangoga eine Whatsapp-Nachricht und weist mich darin auf ein Event in Kigali hin, das gut zu meinem Thema passt. „Wenn ich noch irgendetwas anderes Interessantes für Sie sehe, sage ich Bescheid“, verspricht sie. Meine deutschen Gewohnheiten zum Umgang zwischen Presse und wichtigen Menschen in Unternehmen sind erschüttert. Ob positiv oder negativ, weiß ich nicht so genau.

Emerita kocht Reis auf einem „Save80“-Ofen vor ihrem Haus.

Zum Glück habe ich nur wenige Tage später einen richtig spannenden Termin. Die NGO SaferRwanda nimmt mich mit in ein paar Dörfer nahe Kigali, in denen die meisten Menschen noch mit Feuerholz auf drei Steinen Kochen. SaferRwanda verkauft den Menschen kleine, effiziente Kochöfen, mit denen sie nur noch 20 Prozent der vorherigen Holzmenge benötigen, um zu Kochen. Das spart den Menschen nicht nur Zeit und Geld, sondern sorgt auch für einen deutlich geringeren CO2-Ausstoß. Es ist dieses Projekt, das mich überhaupt erst auf die Idee brachte, nach Ruanda zu gehen. Denn finanziert wird es zu großen Teilen von dem Geld, dass Europäer an Flixbus zahlen, wenn sie den CO2-Ausstoß ihrer Busfahrt neutralisieren wollen.

Ich sehe zu, wie eine Frau namens Emerita auf dem effizienten Ofen kocht. Tatsächlich hebt sie einfach ein paar Zweige und Blätter vor ihrer Haustür auf, legt sie in den Ofen, und zündet sie mit einem Streichholz an. Das reicht aus, um einen Topf Wasser zum Kochen zu bringen. Sobald es kocht, schüttet Emerita Reis hinein und nimmt dann den Topf vom Feuer. Sie stellt ihn in eine große Styropor-Schale, die die Mitarbeiter von SaferRwanda „Wonderbox“ nennen. Dieser Behälter isoliert so gut, dass der Reis darin ohne weitere Wärme-Zufuhr fertigkocht und noch stundenlang warm bleibt. Emerita und ihre Nachbarinnen schwärmen von dem neuen Gerät. Insgesamt hat SaferRwanda schon 30.000 ruandische Haushalte mit solchen Öfen versorgt.

Am Ende meiner dritten Woche hier habe ich den Eindruck: Es sind die Projekte, die unten, direkt bei den Menschen, ansetzen, die in Ruanda gerade ein großes Potential entfalten. Hinter fast allen Projekten, die ich bisher gesehen habe, stehen westliche Erfinder. Doch umgesetzt werden sie von Ruandern, die häufig einen sehr guten Job machen und aufgrund ihrer Nähe zu den Menschen sehr erfolgreich sind. Meine Skepsis gegenüber von Westlern initiierten Entwicklungshilfeprojekten hat sich ein gutes Stück gelegt.

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