Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Das Leben in Madagaskar ist nicht einfach für Kinder. Wenig Essen, meist schlechte oder keine Bildung und sehr viel Arbeit – so zumindest sieht der Alltag für viele Jungen und Mädchen hier aus. Nach einigen Wochen im Land dachte ich eigentlich, die Situation schon gut verstanden zu haben, doch es gibt immer wieder neue Themen, die mich fassungslos machen. Vor einigen Tagen war ich im Südwesten unterwegs, in Tuléar. Eine Stadt direkt am Meer, viel ruhiger und sauberer als Antananarivo. Das liegt auch daran, dass kaum Autos unterwegs sind und stattdessen fast alle Menschen mit dem Fahrrad fahren. Wer sagt, Münster sei eine Fahrradstadt, der hat definitiv Tuléar noch nicht gesehen! Auch gibt es hier einige Touristen und viel Fischerei. Doch trotzdem ist das Leben für Kinder im Südwesten nicht einfacher als in der Hauptstadt.

Viele von ihnen leben auf der Straße, müssen sich prostituieren, um zu überleben. Die Polizisten schaut meist weg, sitzen an einem Abend sogar direkt neben den Minderjährigen und unterhalten sich mit mir, während wenige Meter weiter Mädchen auf Touristen und einheimische Männer warten. „Die Situation hat sich seit 30 Jahren nicht verbessert“, sagt Jose Guirado, der mich nachts durch die Straßen führt. Er lebt seit den 90er Jahren in Tuléar und leitet die NGO Bel Avenir – schöne Zukunft – die sich für Kinder einsetzt. „Die Mädchen stehen hier jede Nacht, meist kommen ein oder zwei Männer vorbei“, erzählt er. Bel Avenir kümmert sich um Bildung, gesundes Essen, ein Dach über dem Kopf. Ein großer Teil der Arbeit besteht aber auch darin, den Mädchen und Jungen eine alternative Beschäftigung zu geben: In der kleinen Stadt gibt es jetzt ein Theater, in dem Kinder abends tanzen, trommeln und auf Stelzen laufen.

Doch nicht alle in Tuléar profitiert davon, natürlich. Wenn der Hunger zu groß wird, sehen viele Kinder keine andere Möglichkeit, als zu klauen, ein Huhn zum Beispiel. Ein Junge, der seinen Namen nicht öffentlich machen möchte, sitzt deshalb seit über zwei Jahren im Gefängnis. Er ist 16 Jahre alt und wie die anderen Jungen um uns herum, kann er weder lesen noch schreiben. Er bestreitet, jemals etwas geklaut zu haben. Ob das stimmt – unklar. Nur zwei der zwölf Jungen sind überhaupt verurteilt worden. Die anderen warten seit Jahren auf ihr Gerichtsverfahren.

Holzbretter, eine Bank und ein Kalender an der Wand – die Jungen schlafen in einem Gebäude ohne Fenster, Matratzen, Decken oder Toilette. Nachts ist es kalt, zwischen fünf Uhr abends und acht Uhr morgens sind sie eingesperrt. „Ich weine jede Nacht. Ich weiß nicht, wie lange ich noch bleiben muss. Ich habe meine Familie seit Jahren nicht gesehen“, sagt der Junge im grün-weiß gestreiften T-Shirt. Die anderen Jungen nicken, der jüngste ist erst 12 Jahre alt.

„Ein Gerichtsverfahren bekommen nur diejenigen, die es sich leisten können“, erklärt Jose. Mitarbeiter seiner NGO kommen mehrmals pro Woche vorbei, um mit den Jungen Fußball zu spielen und ihnen Lesen und Schreiben beizubringen. Der Staat kümmert sich nicht, es gibt keine Bildung oder sonstige Programme, um die Jungen zu beschäftigen und auf das Leben außerhalb des Gefängnisses vorzubereiten. Viele kommen deshalb immer wieder hierher zurück. Falls sie überhaupt irgendwann verurteilt oder begnadigt werden.

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