Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die „Flying Doctors“ der Hilfsorganisation Amref retten Leben in den entlegensten Gebieten Ostafrikas. Ihre Kleinflugzeuge sind zu modernen Intensivstationen hochgerüstet. Einen Tag lang begleite ich sie bei ihrer Arbeit. Eine Live-Reportage.                   

Flugzeug der "Flying Doctors"

Flugzeug der "Flying Doctors"

8:30 Uhr – Ich erreiche den Wilson Airport, der Hauptsitz der „Flying Doctors“. Wohin ich heute fliegen werde oder, ob ich Nairobi überhaupt verlassen werde, weiß ich nicht.  Darüber entscheidet das Schicksal – und Phyllis Kimani. Sie koordiniert heute die Arbeit der 24-Stunden-Notruf-Zentrale. Fest steht: Wenn die Amref-Ärzte zu einem Notfall irgendwo im Umkreis von rund 1000 Kilometer gerufen werden, werde ich sie begleiten. Über die Ereignisse dieses Tages werde ich heute in regelmäßigen Abständen bloggen. Zumindest solange das Handynetz verfügbar ist und der Akku hält.

Teambesprechung

Teambesprechung

8:45 Uhr – Morgenbesprechung in der Leiststelle. Phyllis trägt die Ereignisse der vergangenen Nacht vor. „Eine Bergung wird gerade durchgeführt“, sagt sie zu ihren Kollegen. Phyllis blickt auf einen großen Flachbildschirm über ihr, der die Position des Flugzeugs auf einem Satellitenbild anzeigt. Die Cessna 208 befindet sich gerade in Juba, der Hauptstadt des Südsudan. Die Mitarbeiterin einer NGO erlitt hier eine schwere Rückenverletzung. „Wurde wahrscheinlich von einem Auto angefahren“, vermutet Phyllis. Genauere Informationen liegen noch nicht vor. Die Patientin wird gerade zum Flugzeug gebracht, das sie nach Nairobi fliegen soll. In einer halben Stunde soll es abheben und gegen elf am Wilson Airport landen.

10:15 Uhr – Dr. Terry Martin hat heute den Dienst als erster Bereitschaftsarzt. Ich treffe den 58 Jahre alten Briten in einem kleinen Besprechungszimmer, das er zu seinem provisorischen Büro umgebaut hat. Eigentlich hat Terry gerade Urlaub. Normalerweise arbeitet er in einem Krankenhaus in Winchester im Süden Englands. Seine vier freien Wochen verbringt er in diesem Jahr nicht am Strand, sondern als freiwilliger Helfer der „Flying Doctors“. Vor einer Woche begann sein Dienst, seither war er jeden Tag, auch am Wochenende, im Einsatz. Sein Bild von Afrika hat sich seither erheblich verändert: „In Europa glauben wir, dass es hier nur schlecht ausgebildete Ärzte gibt, die in einem ärmlichen Umfeld arbeiten“, sagt er. „Ich war deshalb sehr beeindruckt von der hohen medizinischen Qualität, die ich hier vorfand.“ Damit meint er in erster Linie die Krankenpfleger von Amref, mit denen er auf jedem Flug zusammenarbeitet. „Das läuft reibungslos.“ Terry wartet wie ich auf den nächsten Einsatz. Bis es soweit ist, arbeitet er auf seinem Netbook an einer Präsentation, die er am Nachmittag vor der Belegschaft halten will. „Wir sitzen hier niemals einfach nur herum“, sagt Terry. „Wenn gerade nichts zu tun ist, bilden wir uns gegenseitig weiter und bringen uns auf den neuesten medizinischen Stand.“

11:05 Uhr – Die Cessna aus Juba landet am Wilson Airport. Ein Rettungsfahrzeug der „Flying Doctors“ fährt zum Rollfeld, holt die Patientin ab und bringt sie ins Krankenhaus. „Es geht ihr gut“, gibt der Arzt an Phyllis durch. Die weitere Betreuung im Nairobi Hospital hat sie bereits vor zwei Stunden organisiert und mit der Krankenversicherung der Patientin abgesprochen.

11:30 Uhr – Phyllis hat eine traurige Aufgabe. Sie organisiert den Transport der Leiche eines norwegischen Schülers, der am Sonntag bei einem Autounfall in der Nähe der Hafenstadt Kisumu am Victoriasee ums Leben kam. Der Teenager war in Kenia, um zusammen mit seinen Mitschülern an einem Solarprojekt zu arbeiten. Ihr Minibus wurde von hinten von einem Lastwagen gerammt, ein weiterer Schüler wurde dabei verletzt. Phyllis telefoniert mit dem Bestattungsunternehmen: „Wir warten noch auf den Post-mortem-Report des Krankenhauses, dann könnt ihr mit dem Transport beginnen.“ Auch der Umgang mit dem Tod gehört zu der Arbeit der Lebensretter.

12:45 Uhr – Ein Notruf ist in der Leitstelle bisher nicht eingetroffen. Das Team verhandelt organisatorische Details mit Versicherungen und erkundigt sich bei den Krankenhäusern über den Zustand der in den vergangenen Tagen erfolgreich nach Nairobi transportierten Patienten. Ich nutze die Zeit, um mich im Gebäude umzusehen. Das Büro von Bettina Vadera ist eines der lautesten im Haus. Am angrenzenden Rollfeld des Wilson-Airports, dem zweiten internationalen Flughafen Nairobis, startet gerade eine Airkenya-Maschine ihren Flug nach Tansania. An den Motorenlärm hat sich Vadera mittlerweile gewöhnt. Seit 1997 arbeitet die Ärztin aus Hannover bei den „Flying Doctors“. Acht Jahre lang war sie selbst als Notfallhelferin in der Luft, dann übernahm sie die medizinische Leitung der Organisation. Heute ist die 50-Jährige zusätzlich noch Geschäftsführerin, denn seit Oktober arbeiten die „Flying Doctors“ als eigenständiges Unternehmen unter dem Dach der Non-Profit-Organisation Amref. „Das erleichtert es uns, das Angebot der Flying Doctors noch stärker als professionelle Dienstleistung zu etablieren, die Geld einbringt“, sagt Vadera. Entscheidungen über Marketing oder neue Produkte könnten so deutlich schneller getroffen werden als früher. Die „Flying Doctors“ sind heute ein gewinnorientiertes Unternehmen. Die Kunden sind vielfach wohlhabende Touristen oder Geschäftsleute, die nach Afrika reisen und deren Versicherung die Flugambulanz abdeckt. Doch die Gewinne, die der Service erwirtschaftet, fließen komplett in die humanitäre Arbeit der Dachorganisation Amref – wie zum Beispiel in das „Outreach“-Programm, das kostenlose Fortbildung für Ärzte in der Provinz anbietet. „Je besser es uns gelingt, die Flugambulanz als profitables Geschäft zu betreiben, umso unabhängiger können die humanitären Projekte von Spenden werden“, sagt Vadera.

Überprüfung der medizinischen Ausrüstung

Überprüfung der medizinischen Ausrüstung

14:00 Uhr – Terry will seine Zeit bei den „Flying Doctors“ nutzen, um die Arbeit seiner Kollegen effizienter zu gestalten und zu vereinfachen. Heute Nachmittag steht das medizinische Equipment auf dem Prüfstand. 25 bis 30 Kilo schwer ist die Standard-Einsatztasche, die Ärzte und Pfleger bei jedem Einsatz mitschleppen. Hinzu kommt noch die je nach Fall spezifische Ausrüstung. „Viel zu schwer“, urteilt Terry, der in England seit vielen Jahren Ärzte für Noteinsätze in der Luft ausbildet. Dr. Maurice Sijenyi, sein kenianischer Kollege, nickt. Terry zieht ein durchsichtiges, gebogenes Plastikteil aus der Tasche. „Weißt du, was das ist?“, fragt er. Schweigen. „Hast du das schon einmal verwendet?“ – „Nein“, antwortet Maurice. „Gut, dann ab in die Box damit. Das brauchen wir nicht mehr“, sagt Terry. „Du brauchst auch nicht zwei verschiedene Masken. Nimm dir einfach die bessere. Und weißt du, was wir mit der anderen machen?“ Maurice: „Ab in die Box.“

Anästhesiegerät

Anästhesiegerät

15:25 Uhr – Es sieht nicht danach aus, als würden die Maschinen der „Flying Doctors“ heute noch abheben. Es ist ein vergleichsweise ruhiger Tag. Zwei bis drei Einsätze gibt es durchschnittlich am Tag. Heute war es erst einer –  der Morgenflug von Südsudan. Ich vertreibe mir die Wartezeit in dem kleinen Museum, das die Organisation am Flughafen aufgebaut hat. Es erzählt die Geschichte der drei Ärzte Michael Wood, Archibald McIndoe und Tom Rees, die Amref im Jahr 1957 gründeten. Damals kam ein Arzt in Ostafrika auf 30.000 Menschen. Besonders in ländlichen Gebieten fehlte der Zugang zu medizinischer Versorgung vielfach komplett. Die Straßen dorthin waren holprig und oft gar nicht passierbar. Die Ärzte Michael, Archie und Tom brachten stattdessen Hilfe aus der Luft in die entlegensten Winkel des Kontinents. Ihr handschriftlichen Notizen und recht einfache Operationswerkzeuge zeugen im Museum von dieser längst vergangenen Zeit. Heute sind die „Flying Doctors“ ein anerkanntes High-Tech-Unternehmen – ein Branchenwettbewerb kürte sie vergangenes Jahr gar zum weltbesten Flugambulanzanbieter.

16:10 Uhr – „Good afternoon, this is Amref.“ Ein Notruf geht ein. „Woher rufen Sie an?“, fragt Phyllis. Ein Angehöriger ist am anderen Ende der Leitung. Es geht um einen Mann, der an einem Leberkarzinom leidet. Der Zustand sei kritisch, heißt es. Näheres ist nicht zu erfahren. Sie versucht den behandelnden Arzt in Eldoret, einer Stadt im Westen Kenias, zu erreichen. Um zu entscheiden, ob der Mann noch heute nach Nairobi geflogen werden muss, braucht sie mehr Informationen.

16:35 Uhr – Terry erzählt von seinem ersten Arbeitstag bei Amref. Der Einsatz führte ihn Anfang vergangener Woche in den Kongo. Ein französischer Tourist war wegen Herzproblemen in ein Krankenhaus eingeliefert worden. „Dort fehlte aber das richtige Equipment, um ihn angemessen zu behandeln“, erzählt Terry. Nach einer kurzen Besprechung mit dem Arzt vor Ort flog er mit dem Patienten nach Nairobi. „Solche Krankentransporte sind eine echte Herausforderung. Es ist eng, es gibt Probleme mit dem Druck und trotz bester Ausrüstung, können wir in der Luft niemanden so gut behandeln wie im Krankenhaus“, sagt Terry. „Ein Flugzeug ist eigentlich eine feindselige Umgebung für jeden Patienten.“ Dennoch gelang der Transport. Über den Zustand seines ersten „Flying Doctor“-Patienten hält sich Dr. Terry bis heute täglich auf dem Laufenden. Er liegt nach wie vor auf der Intensivstation in Nairobi.

17:10 Uhr – Phyllis hat den Arzt erreicht. Der Krebspatient aus Eldoret ist stabil genug, um in einem normalen Passagierflugzeug transportiert zu werden, sofern er von einer Krankenschwester begleitet wird.  Eine Amref-Mitarbeiterin könnte sich sofort auf den Weg machen. Rund 1500 Dollar würde der Einsatz kosten. Der Patient will abklären, ob seine Versicherung dafür aufkommt und sich morgen wieder melden.

18:05 Uhr – Die Notrufzentrale leert sich. Die Telefone klingeln nur noch selten, der Flugzeuglärm von draußen ist leiser geworden. Statt wie tagsüber vier bis fünf Mitarbeiter sitzen nun nur noch Phyllis und ihr Kollege Anthony an ihren Computern. Phyllis kümmert sich um einen Übersetzer für einen italienischen Patienten, der kein Englisch spricht, in Tansania. Anthony organisiert einen Behandlungstermin für eine Amerikanerin in Kitale. In beiden Fällen dürfte ein Lufttransport nicht notwendig sein. „Aller Wahrscheinlichkeit nach wird heute nichts mehr passieren“, sagt Phyllis zu mir. „In den meisten Gebieten machen Nachtflüge kaum Sinn.“ Ich beschließe aufzubrechen. Weil ich aber noch einen Einsatz der „Flying Doctors“ miterleben will, werde ich wiederkommen. Am Donnerstag geht es weiter.

 

 

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