Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Damit hatte niemand gerechnet. Knapp 30 Jahre verlief der Uranbergbau in Namibia gemächlich. Die einzige Mine war die seit 1976 produzierende Rössing-Mine. Die Urankonzentration in Namibias Lagerstätten ist so gering, dass sich der großflächige Abbau nicht lohnte.

 

Das änderte sich Anfang dieses Jahrtausends. Mehrere Studien kamen zu dem Schluss, dass, aufgrund des weltweit gestiegenen Interesses an Atomenergie, die Nachfrage nach Uran schon bald das Angebot übersteigen wird. In der Folge schoss der Uranpreis in die Höhe – lange Zeit dümpelte er um die zehn US Dollar pro Pfund, 2007 stieg er auf ein Allzeithoch von rund 140 US Dollar pro Pfund. Plötzlich wurde Namibias Uran interessant für die Bergbaukonzerne der Welt, die sich jetzt wie im Rausch auf das afrikanische Land stürzten.

Gabi Schneider

Gabi Schneider ist Direktorin des Geologischen Landesamtes von Namibia.

 

„Wir wurden regelrecht überrollt von Anträgen auf Bohrlizenzen“, erinnert sich Gabi Schneider, die Direktorin des Geologischen Landesamtes von Namibia. In der Folge nahm zum Einen die zweite Uranmine ihre Produktion auf. Zum Anderen vergab das Land 36 neue so genannte Explorationslizenzen, also die Lizenz zum Bohren und Suchen nach Uran. Allein 34 davon im westlichen Erongo-Gebiet, in der Wüste Namib.

 

Das Problem: Es gab keinerlei gesetzliche Regelungen, die sich konkret auf den Abbau des radioaktiven Rohstoffs bezogen – die Unternehmen konnten mehr oder weniger tun und lassen was sie wollten.

 

„Der Regierung wurde bewusst, dass uns die Sache über den Kopf wachsen könnte und man beschloss, die Notbremse zu ziehen.“ Ein 2006 verhängtes Moratorium verhindert, dass weitere Lizenzen vergeben werden. Kritiker bemängeln, dass das viel zu spät gekommen sei. Tatsächlich ist in der Region mit den Hauptvorkommen jetzt schon kaum noch Platz für weitere Bohrvorhaben.

 

Seither entwickelt Namibia Gesetze, Kontroll- und Beratungsmechanismen, die sicherstellen sollen, dass der wachsende Uranbergbau ein Segen und kein Fluch für das Land und seine Menschen wird. Das bisherige Ergebnis sind weniger gesetzliche Regelungen, sondern vor allem ist es ein Dickicht aus Arbeitsgruppen, Strategiepapieren, Richtlinien auf freiwilliger Basis und jede Menge Empfehlungen. Dieses Dickicht zu durchblicken und auf Substanz abzuklopfen, wird eine der größten Herausforderungen meiner Recherche in Namibia.

 

Bevor ich mich von Frau Schneider verabschiede und das Geologische Landesamt verlasse, kommen wir noch auf Deutschland – Gabi Schneider hat deutsche Vorfahren – und die Entscheidung der Bundesregierung, aus der Atomenergie auszusteigen, zu sprechen. „Für mich ist die Politik, die Deutschland betreibt, ein Schildbürger-Streich. Deutschland schließt zwar die Kraftwerke, aber spart keine Elektrizität ein, sondern kauft den Strom in Frankreich. Und dort ist es auch Atomstrom“, meint sie. Dieses Thema will ich nicht weiter vertiefen, denn es geht ja hier um Namibia. Aber es bringt mich zur Frage, wie es denn mit Atomstrom für Namibia aussieht. „Können Sie sich das vorstellen?“

Ministry of Mines and Energy

Das Geologische Landesamt von Namibia ist Teil des Ministeriums für Bergbau und Energie.

 

Gabi Schneider erklärt, dass ihr Institut gerade ein Regelwerk erarbeitet, das die komplette atomare Kette abdeckt, inklusive Anreicherungsprozesse und Erzeugung von Atomstrom. Ein Atomkraftwerk in Namibia? „Warum nicht. Wir haben hier einen Elektrizitätsmangel. Es ist doch ein bisschen verrückt, dass Namibia der viertgrößte Uranproduzent der Welt ist, aber die Lichter ausgehen.“ Atomenergie könnte aus ihrer Sicht ein Fortschritt auf dem Weg sein, die so genannte „Vision 2030“ zu verwirklichen. Geht es nach dem Willen der Regierung, soll sich Namibia bis zum Jahr 2030 zu einer Industrienation entwickelt haben.

 

Die Geologin betont, dass es noch keine konkreten Pläne gebe. Aber man schaue, ob sich die Atomenergie für das Land rechnen könnte. Gabi Schneider wäre jedenfalls dafür.

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