Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Dass einem von den Schreien, die ihr Fußballspiel begleiten, die Ohren klingeln, liegt nicht an den Jugendlichen. Es liegt daran, dass sie in einer ehemaligen Kirche spielen und ihr Gebrüll durch das Kirchenschiff hallt. Früher hielten hier spanische Christen ihre Gottesdienste ab, La Purisima heißt die Kirche mitten in der Altstadt von Tanger, die heute nur einmal in der Woche geöffnet wird: Mittwoch nachmittags, wenn die Schwestern des Ordens der Mutter Teresa die Kinder und Jugendlichen einladen, die in den Straßen der Medina leben. Ungefähr 40 sind heute gekommen. Sie sehen bedrohlich aus, wie sie da abgerissen und schmutzig auf den Bänken entlang des Kirchenschiffes sitzen, sich knuffen und streiten.

Doch ihre düsteren Minen heitern sich auf, als der marokkanische Sozialarbeiter Simo, den hier alle kennen, einen Fußball in die Mitte wirft. Sie rennen und kämpfen, ein wildes Knäuel von Armen und Beinen rollt durch den Raum. Die rote Karte ist ein aus dem unteren Teil einer Saftpackung abgerissenes Stück, die gelbe ein Stück vom oberen Teil, auf dem die Orange abgebildet ist. Aber die improvisierten Karten werden nicht oft gebraucht – die Anwesenheit der Sozialarbeiter oder die Atmosphäre des früheren Gotteshauses disziplinieren. Wahrscheinlich beide. Die ältesten Jungen sind 15, darauf achten die Schwestern. Früher kamen auch erwachsene Obdachlose an diesen Mittwochnachmittagen, aber es hat Probleme gegeben. Seitdem kümmern die Schwestern sich nur noch um die Jugendlichen – heute alles Jungs. Dabei leben auch Mädchen in den Straßen der Medina – aber sie halten sich meist versteckt. Der Reihe nach bekommt Jeder eine Dusche, eine warme Mahlzeit, einen knappe ärztliche Versorgung und einen Lolli und ein Stück Schokolade mit auf den Weg. Während sie auf die Dusche warten, wollen einige erzählen. Von ihren Lieblings-Fußballclubs, von ihrer Lieblingsmusik, davon, wie doof der und der andere Junge ist. Aber nach und nach erzählen sie auch ihre Geschichten – oder das, was sie als solche ausgeben. Yacine zum Beispiel ist 15, einer der älteren, und er wartet auf das, worauf hier alle warten: Er will nachts mit einem der Schiffe nach Spanien übersetzen. Er hat es schon einmal geschafft und war zwei Jahre dort – aber dann wurde er aufgegriffen und zurückgeschickt. Sein Körper sieht aus wie der eines 12-Jährigen, das Gesicht wie das eines 50-Jährigen. So ist das bei allen Jugendlichen hier: Ihre schlecht ernährten und frierenden Körper haben sich nicht entwickelt, nur ihre Gesichter erzählen von dem langen Kampf, den die Kinder auf der Straße ausfechten. Mustapha hat Narben im Gesicht – die Schnitte quer über die Wange fügen sie sich gegenseitig zu, um den anderen zu brandmarken. Er sagt, er sei 16, sieht aus wie zwölf, und lebe seit sieben Jahren auf der Straße. Einmal, erzählt er, sei er mit Simo zusammen zurück zu seinen Eltern gefahren. Simo habe sie überzeugen wollen, ihn wieder aufzunehmen. Doch der Vater habe die Tür gar nicht erst geöffnet. Bei anderen ist es noch schwieriger, überhaupt den Versuch zu machen, sie nach Hause zurückzubringen: Einer stammt aus Kénitra, zwei aus Casablanca, einer aus Marrakech usw. – die Jugendlichen kommen aus dem ganzen Land und haben nicht Tanger zum Ziel, sondern Europa. Sie wollen weg, und wenn es sie das Leben kostet. Einige sagen, sie wollen in Spanien endlich irgendeinen Job finden, den es in Marokko für sie nicht gibt. Dass die Arbeitslosigkeit in Andalusien bei 30 Prozent liegt und sie dort allenfalls Hungerlöhne erwarten, wollen sie nicht hören. Überall muss es besser sein als in Marokko. Ein ruhiger, schweigsamer und nachdenklicher Junge sagt, er wolle in Spanien endlich zur Schule gehen. Nach der Dusche werden sie medizinisch versorgt – viele haben Hautverletzungen, Abschürfungen von dem Versuch, über Mauern zu klettern, zum Beispiel, um in den Hafen zu gelangen. Oder Bisse von den Polizeihunden im Hafen. Andere haben Verbrennungen – die meisten schnüffeln Klebstoff, und wenn einer nicht mit den anderen teilen will oder aus anderen Gründen bestraft werden soll, schütten sie die Flasche über ihm aus und zünden ihn mit einem Feuerzeug an. Einer hat eine Bindehautentzündung, aber es gibt keine Augentropfen bei den Schwestern. Nach der Dusche kommt das Essen, und die vorher durchs Fußballspielen aufgelockerte Stimmung schlägt plötzlich um. Sie essen schweigend und grimmig, so als müssten sie auch hier ihre Portion gegen den Nachbarn verteidigen. Als sie weg sind, fällt die plötzliche Stille in die Kirche ein wie die Ruhe nach einem Wirbelsturm. Erschöpft setzen sich die Sozialarbeiter auf einen Minztee in ein Kaffee nebenan. Doch Simo springt sofort wieder auf, kommt nach einigen Minuten mit einer Plastikflasche mit Klebstoff zurück: Er hat sie einem der Jungen abgenommen, die gerade noch von den Schwestern versorgt wurden. Die Jungen scharen sich um den Tisch und beschimpfen die Sozialarbeiter als Diebe. Simo reicht es, er schüttet den stinkenden Klebstoff in einen Blumenkübel. 10 Dirham kostet so eine Flasche – 90 Cent, mit etwas Geschick bekommt man dafür eine komplette Mahlzeit. Hunger hatten sie ja nach ihrem Besuch bei den Schwestern nicht mehr, doch das Elend hat nur ganz kurz Pause gemacht.

Dina Netz, Tanger, 21.3.2010

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