Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.
In Zaitunay Bay trifft sich die syrische High Society

In Zaitunay Bay trifft sich die syrische High Society

 

„Sie sind überall!“, sagt der Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt von Beirut. Mit „sie“ meint er die Syrer, die aus ihrer Heimat in das kleine Nachbarland Libanon geflüchtet sind. Am nächsten Tag kann ich „sie“ selbst sehen. Ich stehe mit ihnen in der Schlange bei MTC, einem der großen Telekommunikationsunternehmen im Libanon, um mein Handy offiziell registrieren und freischalten zu lassen. Ich habe einen Pass. Viele Syrer werden wieder weggeschickt, weil sie genau den eben nicht haben. Vergessen in Syrien oder nicht mehr gültig. Ein neues Gesetz wird ihnen zum Verhängnis: ohne Pass kein Handynetz. Und syrische Sim-Karten funktionieren im Ausland nicht.

Mit Schuhe putzen schlagen sich syrische Kinder durch

„Was machst du denn hier?!“ Vor mir steht ein Freund aus Syrien, den ich seit fast vier Jahren nicht mehr gehört und gesehen habe. Wir treffen uns auf der Hamra-Street, der Hauptstraße durch Beiruts quirligen Stadtteil direkt am Meer. „Halb Syrien ist inzwischen im Libanon“, scherzt er. Er selbst sei vor zwei Jahren gekommen und habe verschiedene Jobs gefunden. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass mehr als 800.000 syrische Flüchtlinge in Libanon sind – einem Land, in dem etwa vier Millionen Libanesen leben.

„Schuhe putzen?“, ein schmächtiger Junge schaut uns mit großen dunklen Augen an. Aber wir tragen beide Turnschuhe, sind keine geeignete Kundschaft. „Ein Syrer“, sagt mein Freund, als der Junge weitergezogen ist. Er ist nicht der einzige, den ich in Hamra treffe. Andere verkaufen Rosen, Kaugummi oder Taschentücher, um ein bisschen Geld zu verdienen. Einfach nur die Hand aufhalten, das macht kaum einer. „Gib‘ ihnen nichts. Sie sind organisiert“, sagt mir ein anderer Syrer, den ich in Beirut wieder treffe. Schon vor dem Krieg in seinem Land hatte seine Familie eine Wohnung in Beirut, kam am Wochenende her, um das bunte Leben und das Meer zu genießen. Mit ihm entdecke ich Zaitunay Bay, einen Yachthafen mitten in Beirut. In der Tiefgarage stehen Mercedes, BMW und Porsche mit Kennzeichen aus Homs, Damaskus oder Aleppo. Eines der Cafés ist der Treffpunkt der syrischen High Society. In Syrien kennen die meisten Menschen Zaitunay Bay nur aus schillernden Fernsehshows und Erzählungen – nicht vom Kaffeetrinken.

„Dein Arabisch ist gut. Wo hast du das gelernt?“, fragt die Kellnerin, die meine Bestellung aufnimmt. „In Damaskus“, antworte ich. Sie strahlt. „Ich komme aus Aleppo“, sagt sie und streicht sich kurz durch die hellbraunen Locken. Ihre Augen sind bläulich grün und ihre Haut ist hell – typisch für die Menschen im Norden Syriens. Aleppo, die zweitgrößte Stadt des Landes, ist hart umkämpft. „Alhamdulillah, Gott sei Dank, meine Familie und ich leben jetzt hier“, sagt sie und schaut auf die Yachten und das Meer. Dann geht sie den Latte Macchiato holen.

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