Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Es sind Zahlen, die belegen sollen, wie groß die Erwartungen an Äthiopiens Textilindustrie sind: die wachsende Zahl der Beschäftigten, die der investierenden Unternehmen und der erwirtschafteten Erträge beispielsweise. Aber es sind Momente, in denen greifbar wird, welche Macht sich entfaltet, wenn Hoffnungen geweckt werden.

In der Univerität in Bahir Dar, im Nordwesten Äthiopiens stehen jene Holzstühle mit einseitiger Schreibablage, wie sie in den Seminarräumen weltweit zu finden sind. Nur, dass sie hier etwas stärker mitgenommen sind. Die Lehne einer der Stühle in der ersten Reihe ist so herunter gebogen, dass der Beamer ein schiefes Bild an die Wand projiziert.

Mr. Aynno, der den Studenten erklärt, wie maschinell gestrickt wird

Mr. Aynno, der den Studenten erklärt, wie maschinell gestrickt wird

Egal, es sind ohnehin nur die Bilder des Videos über maschinelles Stricken, die entscheidend sind. Sie lassen sich auch so zeigen, mit kaum hörbarer Lautstärke. Mr. Aynno, wie der Seminarleiter von seinen Studenten genannt wird, ignoriert die Erklärstimme und hält das Video immer wieder an, um anhand des Abbilds an der Wand verschiedene Strickmuster zu erläutern. Der Kragen seines Hemds und der Hosenbund sind ausgefranzt. Ein goldener Manschettenknopf am Ärmel zeugt jedoch davon, dass er Wert auf ein gepflegtes Äußeres legt – im Rahmen seiner Möglichkeiten eben.

Etwa 40 Studenten, die meisten männlich, folgen ihm aufmerksam. Mr. Aynno erklärt, wie sie Strickblusen und Pollover entwerfen können, welche verschiedenen Designs zur Wahl stehen und was unterschiedliche Maschinen leisten können. Auf Englisch stellt er den Studenten zwischendurch Fragen. Im  Chor murmeln sie die Antworten, notieren sich in kleiner, sparsamer Schrift die wichtigsten Punkte in schmalen Heften, die auch die Mitschriften anderer Veranstaltungen enthalten. Für die meisten von ihnen sind sie alles, was sie zur Uni mitnehmen.

So aufmerksam hört man an deutschen Unis die Studenten nicht den Worten der Lehrenden lauschen

So aufmerksam hört man an deutschen Unis die Studenten nicht den Worten der Lehrenden lauschen

Sie studieren am Ethiopian Institue of Textile and Fashion Technology, dem einzigen dieser Art in Äthiopien, bei dem rund 3000 Studenten eingeschrieben sind. Auch wenn es die Einrichtung schon seit 1963 gibt, hat ihr die Regierung im vergangenen Jahrzehnt eine zentrale Rolle zugewiesen. Das verarbeitende Gewerbe, insbesondere die Textilindustrie, soll dem Land auch in Zukunft zweistellige Wachstumsraten verschaffen. Prosperiert die Branche weiterhin, dann sollen Mr. Aynnos Studenten die gefragten Fachkräfte sein.

Das ist das Versprechen an sie und die Erwartung, mit der sie sich durch ein fünfjähriges Bachelorstudium arbeiten. Sie wollen nicht Bauern werden oder von Gelegenheitsjobs leben wie viele ihrer Eltern. Sie wollen diejenigen sein, die eines Tages die Textilfabriken des Landes managen, Jobs schaffen, die Näherinnen koordinieren und in den Web- und Spinnabteilungen dafür sorgen, dass alles rund läuft.  Sie wollen nicht nur Teil der Industrialisierung Äthiopiens sein. Sie wollen sie vorantreiben.

Was mich in den nächsten Tagen antreibt, ist hier zu erfahren:

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