Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Nach meinem Ausflug in den Süden des Landes bleibe ich noch einige Tage in Nairobi. Ich möchte einen Park besuchen, der für gelebte Debattenkultur steht: Im Jeevanjee Garden sollen sich täglich zur Mittagszeit Menschen versammeln und über Politik diskutieren. Ob ich das wirklich erleben werde?, frage ich mich, als ich auf das umzäunte Areal zugehe.

Doch tatsächlich, schon aus der Entfernung höre ich lautstark diskutierende Stimmen aus einer Menschentraube.

Das „People’s Parliament“ im Jeevanjee Garden.

Neben mir steht ein älterer Herr und schaut mich freundlich an. Ich frage ihn, um was es gerade geht – und schon sitzen wir ein paar Meter weiter auf einer niedrigen Mauer und unterhalten uns.

Zakaria kommt fast jeden Tag her; er kenne jeden und jeder kenne ihn. Man treffe sich um zu erfahren, was sich in der Stadt und in der Politik so tut und um über die neuesten Entwicklungen zu diskutieren. „People’s Parliament“ heißt das: Die Diskutanten sprechen über die aktuelle politische Debatte und führen ein argumentatives Streitgespräch. Das Ganze ist übrigens eine sehr männliche Angelegenheit, meint Zakaria, weil sich Frauen in der Anwesenheit so vieler Männer nicht wohlfühlen würden. Und ja, ich sehe wirklich nur sehr wenige Frauen im Park.

Politische Debatte zur Mittagszeit

Ich denke an den Debattierclub, den wir mit ein paar Freund*innen während der Corona-Pandemie gegründet haben. Auch wir haben uns im Argumentieren geübt und über unterschiedliche Themen gesprochen. Dass aber täglich, mitten in einem Park umgeben vom großstädtischen Gehupe und Geknattere der Autos und Motorräder, fremde Menschen zum Diskutieren zusammenkommen, erscheint mir fast unwirklich.

Zakaria und Paul kommen häufig in den Park, um sich mit anderen Männern über Politik auszutauschen.

Mehr als Worthülsen zum Mittagessen?

Nur wenige Schritte von der Menschentraube entfernt steht ein Mann wie in einer Arena auf der rötlichen Erde. Seine Lederjacke ist so braun wie die Bibel in seiner Hand – ein Prediger, der zu den Menschen um ihn herum spricht. Ganz normal, sagt Zakaria, denn Kenia ist ein christlich geprägtes Land.

Die Leute kommen, um den Worten zu folgen, den Worten Gottes, erklärt Zakaria. Wir gehen ein paar Schritte und er stellt mich seinem Freund Paul vor, der auf einem Stein sitzt und dem Prediger zuhört. Die Rede ist auf Kisuaheli, ich verstehe also nichts, sondern höre nur die kräftige Stimme, den emphatischen Tonfall, die lauten Ausrufe.

Paul übersetzt Teile der Rede und sagt, in vielen kirchlichen Predigten gehe es weniger um Seelenheil als um die Bedeutung von Geld, das die Gemeindemitglieder anschließend zahlen sollen. Der Prediger hier im Jeevanjee Garden spreche hingegen über die Akzeptanz des Alters und der Vorbereitung auf den Tod und beziehe sich auf Stellen aus der Bibel. Welchen theologischen Hintergrund der Mann hat, erfahre ich nicht. Als ich ihn später anspreche, ist er kurz angebunden und sagt, Gott habe ihm den Befehl gegeben, den Menschen die Wahrheit über das Leben nahezubringen.

Paul ist Rentner, aber verdient sich was dazu, um über die Runden zu kommen. Wenn er Zeit hat, kommt er in diesen Park: „These are my people“, sagt er. Und dass die meisten von ihnen wenig Geld hätten, denn die Zeiten seien hart.

Nicht nur die Benzinpreise sind derzeit hoch, auch Lebensmittel sind über die vergangenen Monate teurer geworden. Der Preis für Ugali, helles feines Maismehl und eines der Grundnahrungsmittel in Kenia, ist enorm gestiegen. Paul meint, die Worte eines Predigers seien für die Menschen wie Nahrung, wenn sie sich kein Mittagessen leisten können.

Während seiner Rede gestikuliert der Prediger und ruft seinen Zuhörern etwas entgegen, was die mit „Halleluja“ erwidern und gelegentlich zustimmend applaudieren.

Kirche und Politik, im Jeevanjee Garden verschmelzen diese beiden Sphären. Ein Beispiel dafür, wie eng sie in Kenia miteinander verwoben sind.

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