Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die Abholzung der Wälder in Kambodscha. An dieser Thematik gibt es in Kambodscha kein Vorbeikommen. Zu offensichtlich ist das regelrechte Dahinschmelzen der letzten noch verbliebenen Waldgebiete im Laufe der letzten Jahrzehnte. Über den Waldverlust des Landes der letzten Jahre gibt es unterschiedliche Untersuchungen und Studien. Einig sind sich alle in einem: der Waldverlust war verheerend. Die Mitarbeiter:innen von Globalforestwatch haben ermittelt, dass Kambodscha seit 2000 ca. 30 Prozent seines gesamten Waldbestandes verloren hat – mindestens. Satellitenaufnahmen belegen diese Zahlen, sie sind also Fakt. Jedoch ist es gar nicht so einfach im Land selber über diesen Fakt zu sprechen. 

Meine ersten 10 Tage im Land verbringe ich in Phnom Penh mit Klinkenputzen bei unzähligen NGOs, die sich mit dem Schutz der Wälder im Land befassen. Und davon gibt es einige. Jedoch gestaltet sich der Kontakt schwieriger als erwartet – was mich zunächst wundert. Müsste eine Recherche wie meine von solchen NGOs nicht mit Interesse, offenen Armen und Support empfangen werden? Ja und nein. Ja, wenn es darum geht, dass ausländische Journalisten ihr Thema als ebenfalls relevant und berichtenswert betrachten. Nein, wenn es um die Sicherheit und den Fortbestand ihrer NGO geht. 

Nachdem ich unzählige Mails verfasse, lange Telefonate mit den verschiedensten Personen innerhalb der einzelnen NGOs führe und ich mich schließlich – um den Prozess zu beschleunigen – aufmache und alle NGOs sogar persönlich besuche, bleibe ich mit einer Mischung aus Frustration und Verstehen zurück. Wobei ich zugeben muss: Die Frustration überwiegt. 

Ich bin 2013 schon einmal für wenige Tage durch Kambodscha gereist. Ein kurzer Abstecher auf meiner Reise von Vietnam nach Thailand. Dass sich die Situation im Land seitdem so gewaltig verändert hat, war mir bis zu meiner Ankunft in dem Ausmaß ehrlicherweise nicht bewusst. Nach vielen Gesprächen und noch mehr finalen Interview-Absagen verstehe ich nach und nach jedoch besser, wieso sich meine Recherche so kompliziert gestaltet. Ich lerne in diesen vielen „off-the-recond“ Gesprächen viel über die aktuelle Situation im Land. Ich verstehe, weshalb es für Menschen vor Ort nicht so einfach ist, kritische Themen im Land öffentlich zu diskutieren. Und ich verstehe: so selbstverständlich freie Meinungsäußerung für uns in Deutschland ist, so wenig ist sie das in Kambodscha. 

Bevor ich mich also meinem eigentlichen Thema, der Abholzung, widme, zunächst ein kleiner Exkurs zur aktuellen Situation in Kambodscha. Der Regierungschef des Landes, Hun Sen, gilt als Meister der Intrigen, Gewalt und Einschüchterung und hat es mit diesen Methoden zu einem der am längsten amtierenden Regierungschefs der Welt gebracht. Mehr als 35 Jahre ist er schon an der Macht. In einem Land, das zu den korruptesten Ländern Asiens gehört. Darunter leidet besonders der Großteil der einfacheren Bevölkerung, die Hun Sen und seinem (oft korrupten) Gefolge aus Politikern, Militärs und Familienmitgliedern extrem kritisch gegenüberstehen, dies aber öffentlich so nicht äußern würden und dementsprechend auch nicht dafür eintreten. 

Im Jahr 2013 keimte zuletzt Hoffnung für das Fortschreiten der Demokratie im Land auf. Damals wäre es fast zu einem Machtwechsel gekommen. Die Partei zur nationalen Rettung Kambodschas (CRNP) schaffte es damals, Hun Sen und dessen Kambodschanische Volkspartei (CPP) an den Rand einer Wahlniederlage zu bringen. Der zum Greifen nahe Erfolg war jedoch das endgültige Ende der aufkeimenden Demokratie im Land. Als Reaktion auf die drohende Wahlniederlage wurde die CRNP verboten und ihr Führungspersonal verhaftet, sofern es nicht ins Ausland geflohen war. 

In der Folge mussten unabhängige Medien ihre Arbeit einstellen oder wurden gleichgeschaltet. Regimekritiker werden seitdem verfolgt, schikaniert, angeklagt, ins Gefängnis gesteckt oder – und auch das gehört zur Realität in Kambodscha – umgebracht. Bei der Parlamentswahl 2018 gewann die CPP mangels Opposition alle 125 Parlamentssitze. Derzeit findet in Phnom Penh ein Massenprozess gegen mehr als 130 CRNP-Mitglieder, Gewerkschafterinnen, Umwelt- und Landrechtsaktivisten statt. 

Parallel zur Opposition sind in den letzten Jahren auch viele weitere Akteure des öffentlichen Lebens in Kambodscha unter starken Druck geraten. Bis auf wenige Ausnahmen ist eine unabhängige Medienberichterstattung nicht mehr möglich, unabhängige Gewerkschaften – die schon vorher nur in kleiner Zahl vorhanden waren – sind weitgehend in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, ein politisches Gleichgewicht durch andere Parteien fehlt vollkommen. 

NGOs, die im Bereich der Menschenrechte tätig sind, befinden sich daher in einem regelrechten Minenfeld tabuisierter politischer Bereiche, mit denen sie sich trotz großer Notwendigkeit nicht auseinandersetzen können. Bereiche, die als (zu) kritisch gelten, sind unter anderem das öffentliche Ressourcenmanagement, der Umweltschutz, das Problem der Korruption sowie die politische Meinungsfreiheit. Das Resultat dieser Situation ist einerseits der Rückzug vieler NGOs im Land, oder der verlagerte Fokus auf politisch weniger kritische Bereiche. Oft fehlt dadurch jedoch der Support gerade in den Bereichen, die das Land prägen und plagen. Durch ein faktisches Demonstrations- und weitgehendes öffentliches Kundgebungsverbot im ganzen Land wird die Arbeit von NGOs zusätzlich massiv begeschränkt.

Das Verständnis für diese Situation im Land und für die Situation der NGOs hilft mir, meine vielen „Recherchefails“ und Absagen in einem anderen Licht zu sehen. Gegen meine steigende Frustration hilft dieses Wissen trotzdem nicht. Dementsprechend groß ist meine Freude, als mich zum Ende meiner zweiten Woche in Phnom Penh endlich ein Anruf erreicht, der für den weiteren Verlauf Mut macht. Eine NGO willigt ein, sich mit mir zu treffen und mich mit Informationen zu meiner Recherche zu versorgen. Sie bestehen jedoch darauf, keinesfalls namentlich genannt und mit meiner Recherche in Verbindung gebracht zu werden. Eine Kooperation mit mir könne als Kritik an der Regierung verstanden und hart bestraft werden, erklären sie mir. Mein Projekt finden sie wichtig, den Fortbestand ihrer NGO jedoch (verständlicherweise) wichtiger. Wir treffen uns zu einem Gespräch in ihrem Headquarter und ich bekomme einen ehrlichen, aber auch traurigen Einblick in die Vergangenheit und Gegenwart der kambodschanischen Wälder – und in eine Zukunft, die eigentlich schon jetzt keine mehr ist. 

Ein Gebiet, das aktuell im Fokus der Bedrohung steht, ist das Prey Lang Wildlife Sanctuary. Noch finden sich dort große dichte Waldgebiete, die jedoch von Jahr zu Jahr zusammenschrumpfen. Mit einer Liste von Dörfern und Namen zugehöriger Dorfbewohner am Rande des Nationalparks mache ich mich auf den Weg zurück in mein Hotel. Einerseits mit Freude über das erste wirkliche Recherche-Erfolgserlebnis, andererseits auch mit einem mulmigen Gefühl. Denn die NGO-Mitarbeiter warnen mich vor unserer Verabschiedung eindringlich und raten davon ab, in den inneren Teil des Nationalparks und zu den Orten der akuten Abholung vorzudringen. In den letzten Jahren seien mehrere Aktivisten, die über die Abholzung berichten wollten, nicht mehr von ihren Recherchen zurückgekehrt und später tot aufgefunden worden. Wer über Abholzung berichte, stelle sich gegen das System.

Das kann ja was werden. 

PS: Aus Sicherheitsgründen habe ich mich entschieden, diese Blog-Einträge etwas zeitverzögert zu veröffentlichen. Während der Recherche wurde mir mehrfach geraten, gerade mit auch nur im Ansatz kritischen Beiträgen über Regierung und Land im Internet extrem vorsichtig zu sein.


Frederik Fleig, Kambodscha, Januar 2022

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