Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Endlich. Ich habe es geschafft. Ich habe Phnom Penh verlassen. Ich muss es so pathetisch formulieren: Ein kleiner Schritt in den Nachtbus (nach Siem Reap), ein großer Schritt für mein psychisches Wohlbefinden. Zehn Tage lang ging es für mich von Vorgespräch zu Vorgespräch, dabei habe ich deutlich mehr Interviewanfragen übermittelt, als dass ich wirklich Interviews führen konnte. Das Ganze bei konstant 33 Grad, Wolken sind ein Highlight, von Regen bisher keine Spur. Unzählige TukTuk Fahrten durch die rasant wachsende Stadt prägen meine Tage, abends wird die Staub- und Smogschicht vom Gesicht gewaschen und der nächste – meist sehr ähnliche – Tag geplant. 

Doch die Arbeit hat sich ausgezahlt. Die NGO „RECOFTC“ lädt mich zu einem Field Training zum Waldschutz ein. Dabei erstellt die NGO – in Absprache mit der Regierung – vor Ort gemeinsam mit Dorfgemeinschaften Karten und Pläne, die festlegen, in welchen Bereichen der Umgebung zur Versorgung der Bewohner Bäume gefällt werden dürfen, wo Schutzgebiete entstehen sollen und wo  die Situation bereits so dramatisch ist, dass neue Wälder aufgeforstet werden sollen. Ich bin bei einem Training der Mitarbeiter dabei (wie zählt man Bäume in einem abgesteckten Wald-Quadrat?) und einige Tage später auch bei einer Zusammenkunft zwischen NGO und einer Dorfgemeinschaft. 

Einige weitere Tage später mache ich mich mit einem privaten Fahrer auf in ein Dorf nahe des Prey Lang Wildlife Sanctuarys. Von diesem Schritt wurde mir zum Teil abgeraten, von anderen Personen wurde ich lediglich gewarnt. Wer im Naturschutzgebiet Bäume fällt, und das meist mit inoffizieller Erlaubnis der Regierung, der freut sich nicht über neugierige Journalisten. In der Vergangenheit gab es eine Reihe von Fällen, in denen Aktivisten nach exakt solchen Recherchen später tot aufgefunden wurden. Ich kündige jedoch über einen Dolmetscher mehrfach mein Kommen im Dorf an und vereinbare mit meinem Fahrer, dass es für uns zur Sicherheit (und zur Schonung seines Autos) lediglich an den Rand des Schutzgebiets gehen wird. Die Fahrt lässt er sich fürstlich entlohnen – aber einen Fahrplan B gibt es nicht. 

Angekommen am hintersten Rand des Dorfes Sandan treffe ich Mr. Sophiab, der sich stellvertretend für das Dorf um den Schutz der Wälder in der Umgebung kümmert. Von ihm erfahre ich, dass die Abholzung seit Jahren mehr wird und näher kommt. Verantwortlich dafür seien drei Parteien: Die Regierung und einzelne der höheren Regierungsmitarbeiter, die Unternehmen (für gutes Geld) Lizenzen zur Abholzung ausstellen. Zweitens inländische wie ausländische Business Leute, die das Holz zu Cash machen wollen und wohl eine große Menge des Holzes über Vietnam in alle Welt verkaufen. Und drittens sind es die einfachen Dorfbewohner, die (in geringem Maße) für den eigenen Gebrauch und (in hohem Maße) für eben diese Unternehmen Bäume fällen und dafür bezahlt werden. All diese Menschen würden mit dem Fällen der Bäume viel Geld verdienen, weshalb es gefährlich sei, wenn man sich wie Mr. Sophiab gegen die Abholzung stelle und für den Schutz der Bäume einsetze. 

Eine kleine Enttäuschung wartet für mich am Ende des Gesprächs. Die Abholzung mit eigenen Augen könne ich von hier leider noch nicht. Auch wenn wir schon viele Stunden und Kilometer in Richtung des Prey Lang Wildlife Sanktuarys gefahren sind, so seien es von hier weitere 15 Kilometer bis zu den noch heute dichten Waldgebieten, in denen sich aktuell die Holzfäller befänden. 15 Kilometer ohne eine fest verbaute Straße. Mit dem Auto meines Fahrers nicht zu befahren, für meine Drohne – die ich für diesen Fall mitgebracht hatte – außerhalb der Reichweite. Ich bin so nah dran, und doch irgendwie nicht. 

Mit vielen neuen Erkenntnissen und spannendem Interview Material auf meiner Festplatte geht es zurück nach Kompong Thom. Die Abholzung mit eigenen Augen sehen – das muss in jedem Fall noch klappen. Mit verschiedenen Karten der Region ausgerüstet plane ich für die nächsten Tage eine weitere Fahrt mit einem Fahrer entlang des riesigen Wildlife Sanctuarys. Weit genug entfernt, damit ich mich nicht in größere Gefahr bringe. Nah genug, damit ich mit meiner Drohne die Abholzung zu Gesicht bekomme. 

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