What happens in the slum…

„So schlimm ist das ja alles nicht!“ Das denke ich zunächst, als ich heute morgen Dharavi betrete, den offiziell größten Slum Asiens. Die Straße, auf die wir von einer kleinen verrostete Brücke nahe der Mahim Junction blicken, sieht aus wie viele andere in Mumbai: voll, runtergekommen mit vielen vielen Läden. Ja, die Gebäude sind teilweise aus zusammengeschweißten Blechteilen, aber eben auch aus Stein. Von der Brücke aus verschaffen wir uns einen ersten Eindruck: Unweit von uns ragt ein großer Tempel aus dem Meer aus Wellblechdächern heraus, weiter im Osten sind heruntergekommene Hochhäuser. Dann kann es ja los gehen.

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Der Gast ist Gott

Wir kommen weit nach 19 Uhr im Dorf an. Es hat letztlich doch 2,5 Stunden gedauert. Der Verkehr war irre, was daran liegt, dass es nur eine Straße gibt und auf der alles fährt, was fahren kann: Autos, Laster (bunt bemalt mit dem Hinweis darauf, dass man hupen und bei Nacht blinken soll, wenn man vorbei will), Motorräder, Rikshas, Karren, Räder – alles!

Begrüßungszeremoniell: Blumenkette, Schal und ein roter Strich auf die Stirn.

Im Dorf ist noch Licht. Eigentlich leben die Menschen hier nach der Sonne: sie stehen sehr früh, meist gegen 4 Uhr, auf und gehen ins Bett, wenn es dunkel wird. Heute nicht. Heute haben sie auf uns gewartet. Zur Begrüßung bekommen wir orangene Tücher und Blumenketten umgehängt, dazu als traditionelles Begrüßungszeichen und Anerkennung einen Strich  in roter Farbe auf die Stirn gemalt. Dann setzen wir uns und es gibt Chai und Gebäck.

Wir sind im Norden, in Punjab. Das ist der Staat der Sikh – eine der vier koexistierenden Religionen Indiens. Die Sikhs sind eine religiöse Minderheit (2 %), stellen aber derzeit den Premierminister, Manmohan Singh, einen sehr beliebten Mann. Sikhs waren früher Krieger und tragen auch deshalb und als Teil ihrer Religion traditionell kleine Dolche mit sich – immer, auch die Frauen. Ihnen wird nachgesagt, sehr geschäftstüchtig zu sein. Frauen wie Männer tragen ihr Haar lang und bedeckt: Männer mit einem Turban, Frauen mit einem Schal.

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In den Barrios

Die Vorbilder der Revolution als Graffiti an den Fenstern des Jugendministeriums.

Im Ministerium für Jugend arbeitet der 28-Jährige Fernando. Er ist überzeugter Chavez-Anhänger und arbeitet hier, um auch die Jugendlichen von der Revolution zu überzeugen. Denn er ist sich sicher, dass das der beste Weg für Venezuela und die Menschen ist. Er selbst lebt weiterhin mit seiner Familie in einfachen Verhältnissen in einem der vielen Barrios, den Armenvierteln der Stadt. Er nimmt mich mit, dorthin, wo Chavez seine Missiones gebaut hat, zum Beispiel Krankenstationen für die Versorgung der Menschen, die vorher in ihrem Leben noch nie einen Arzt gesehen hatten, weil sie es sich nicht leisten konnten.

Chavez verschenkt viel Öl an das befreundete Kuba, dafür schicken die Castro-Brüder Ärzte und Lehrer nach Venezuela. Und die arbeiten zum Beispiel in solchen Krankenstationen, die besser ausgestattet sind als manch öffentliche Klinik. Hier gibt es sogar ein Bewegungsbad, einen Gymnastikraum für Physiotherapie und eine Intensivstation, auf der die Patienten allerdings auch nur durch Vorhänge voneinander abgetrennt liegen.

Fernando vor seinem Barrio in Caracas

Den jungen Mann kennt hier jeder, deswegen ist es auch sicher, sich mit ihm in diesem Teil der Stadt zu bewegen. Viele bitten ihn in ihre Wohnungen und kleinen Zimmer, er ist willkommen, weil er sich als Beauftragter der sozialistischen Partei hier um die Sozialarbeit im Viertel kümmert. Er setzt sich in einer Schule an einen Tisch und füllt gemeinsam mit anderen Beauftragten Anträge für die Partei aus, wie die schlimmsten Probleme ihrer Viertel beseitigt und abgemildert werden könnten.

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Enteignet, konfesziert, verstaatlicht

Luis Martinez, spricht für die enteigneten Privatunternehmer

Von Maracaibo aus fährt man über die Brücke, die die beiden Küsten des Sees verbindet und folgt einer Strasse, die nur eine Richtung kennt: geradeaus. Immer weiter ins Landesinnere, rechts und links ist alles grün und wild bewuchert, ab und zu geben die Bäume und Sträucher den Blick auf eine Hütte frei. Das ist die Ostküste des Maracaibo-Sees, Costa Oriental del Lago, auch CoL genannt. Hier wurden 1914 die ersten Ölquellen entdeckt, seit fast 100 Jahren sprudelt es nun aus der Erde.

In Lagunillas, etwa 50 Kilometer vom Ufer des Sees entfernt, hat sich eine ganze Zulieferindustrie über die Jahrzehnte entwickelt, sind viele komplett von der Ölförderung abhängig. Einige Firmen hatten zum Beispiel kleine Boote und grössere Schiffe, mit denen sie auf die Plattformen fuhren, wenn Ersatzteile benötigt wurden, Menschen hin und her transportiert werden mussten oder es einen Notfall gab.

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Wo das Oel das Land regiert

Die Petroleros de Venezuela (PdV S.A.) sind das wichtigste Unternehmen des Landes, denn in ihren Topf fliessen die meisten Oeleinnahmen, aus diesem Topf finanziert die Regierung ihre Sozialprogramme, hier laeuft alles zusammen. Hinter Gitterzaeunen (natuerlich roten) liegen riesige Firmenareale, die immer groesser werden, je mehr Zuliefererfirmen verstaatlicht und in den Koloss einverleibt werden.

Edgar Cardenas ist selbststaendiger Oekonom und Wirtschaftsberater, hat frueher selbst fuer die Zentralbank gearbeitet und steckt sehr tief drin in den Komplikationen, die das Oel fuer dieses Land bedeutet. Eine seine Erklaerungen lautet so: Normalerweise muessen Staaten, damit sie ihre Ausgaben finanzieren koennen, Steuern einnehmen und diese vor dem Parlament rechtfertigen.

Das ist hier aber nicht noetig, da so viel Geld ohne jegliche Anstrengung der Regierung oder der Arbeitsbevoelkerung ins Land fliesst. Bis 1920 war die Volkswirschaft von Landwirtschaft gepraegt. Doch heute kommen mehr als 90 Prozent der Einnahmen des Landes aus der Oelindustrie, die Abhaengigkeit wird nicht geringer. Denn niemand hat ein Interesse daran, die Abhaengigkeit zu reduzieren, so lange das Oel noch fliesst. Was danach passiert, weiss keiner so genau.

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